«Wäre ich nicht 82 Jahre alt, würde ich immer noch in der Palliative Care arbeiten»

14.06.19 | Sabine Arnold

Palliaviva wurde nicht im luftleeren Raum gegründet. Monika Naville ist eine der Frauen, die in den Jahren zuvor den Pflegedienst der Krebsliga zum Laufen brachten.

«Haben Sie gesehen, dass ich noch lebe?» witzelt Monika Naville mit der Restaurantangestellten des Alterszentrums. Zwischen den beiden besteht eine Verabredung: Die Service-Fachfrau kontrolliert täglich, ob das aktuelle Kalenderblatt an der Wohnungstür der 82-Jährigen abgerissen ist «Es könnte ja sein, dass ich in der Nacht sterbe, und es niemand merkt», sagt Naville. Ihre Kinder müssten sie schliesslich nicht täglich anrufen.

Die Bewohnerin einer Alterswohnung in Zürich-Hottingen geht unverkrampft mit ihrer Endlichkeit um. Sie hat auch fast ihr ganzes Arbeitsleben in der Palliative Care oder der Onkologie gearbeitet. Seit einem Jahr wohnt sie in einer Alterswohnung im Alterszentrum Sonnenpark. Die rüstige Frau schätzt die Lage im gediegenen Stadtzürcher Quartier, die Morgensonne, aber auch die Anbindung an eine Pflegeeinrichtung.

Monika Naville ist eine der Pionierinnen, die in Zürich einen Pflegedienst für «Tumorpatientinnen und -patienten» ins Leben gerufen haben. Den Begriff «Krebspatientinnen und -patienten» mag sie nicht. Die gelernte Pflegefachfrau stieg 1977 wieder in die Krankenpflege ein, nachdem sie drei Kinder zur Welt gebracht und im Geschäft ihres Mannes mitgearbeitet hatte. Im Waidspital realisierte sie, dass «einige Tumorpatienten nur im Spital liegen, um alle vier Stunden Morphin verabreicht zu bekommen». Sie war der Meinung: «Das können wir auch zu Hause.» Die Zeit war reif für eine Palliativ-Spitex, und Naville begann 1981 als zweite Pflegefachfrau für den ambulanten Onkologiepflegedienst der Krebsliga zu arbeiten.

Herausfordernd und bereichernd

Sie liess sich in Genf in Onkologiepflege ausbilden, wo sie 1960 auch die Krankenpflegerinnenschule abgeschlossen hatte. Sie blieb bis 1985 bei der Krebsliga, wo sie zum Schluss zu viert waren. Eine Pflegefachfrau arbeitete jeweils sieben Tage durch, hütete in der Nacht das Piketttelefon und übergab am siebten Tag der Kollegin. Die Pflegefachfrauen verabreichten den Patientinnen und Patienten zu Hause Chemotherapien. «Auf diese Weise konnten wir zum Beispiel das antizipatorische Erbrechen praktisch verhindern. Das heisst, das Sichübergeben auf dem Weg ins Spital, vor Unruhe und Sorgen, fiel dahin.»

Schmerztherapien und Bluttransfusionen gehörten ebenfalls zu den Leistungen, die Naville und Kolleginnen im Repertoire hatten. Die vielen Gespräche mit Patienten und Angehörigen bedeuteten für die Pflegenden sowohl eine nicht zu unterschätzende Herausforderung als auch eine grosse Bereicherung auf der zwischenmenschlichen Ebene.

Die 82-Jährige hat viele Anekdoten zu erzählen. Darin finden sich Konstanten, zum Beispiel, dass sie sich von Anfang an für eine ganzheitliche Pflege im Sinne der Palliative Care einsetzte und dabei nicht auf die Uhr sehen wollte. Ein Gespräch mit Angehörigen gehörte für sie ebenso dazu, wie rasch ein dreckiges Fenster zu putzen, an dem sich eine Patientin störte. Als sie später eine lokale Spitex leitete, sagte sie den Mitarbeiterinnen, sie dürften auch mal bei nicht-medizinischen Problemen beraten, die den Patienten auf dem Magen liegen. Naville war nie eine Paragrafenreiterin gewesen. Deswegen eckte sie auch immer wieder bei Vorgesetzten und Ärzten an. Auch wenn ihr der interprofessionelle Ansatz der Palliativmedizin gefiel.

«Die Gemeindeschwestern dachten häufig, wir wollten ihnen etwas wegnehmen. Doch das spielte sich gut ein.» Monika Naville, Pionierin der ambulanten Palliative Care

Im Pflegedienst der Krebsliga kriselte es ebenfalls, so dass Naville 1985 kündete. Der damalige Präsident der Krebsliga habe einfach nicht verstanden, was ihre Aufgabe sei, erzählt sie. Er verlangte zum Beispiel, dass die Pflegefachfrauen auch Blutanalysen durchführen sollten. Nur wenige Jahre später wurde der Dienst ganz eingestellt. Die genauen Gründe kennt Naville nicht. Zwei Pflegefachfrauen sprangen 1988 jedenfalls in die Lücke und gründeten den «Pflegedienst für Krebspatienten» und machten daraus 1989 unsere Stiftung, die heute Palliaviva heisst.

Naville stellte noch zahlreiche andere Projekte auf die Beine: Sie baute ein Onko-Ambulatorium in der «Ami-Klinik» auf – der heutigen Klinik im Park in Wollishofen. Danach arbeitete sie in einem onkologischen Ambulatorium in Aarau, wo sie später auch einen ambulanten Pflegedienst ins Leben rief. Ihr war bewusst, dass ein wichtiger Teil der Arbeit darin bestand, mit den «Gemeindeschwestern», der lokalen Spitex, gut zusammenzuarbeiten. «Schliesslich dachten diese häufig, wir wollten ihnen etwas wegnehmen. Doch das spielte sich gut ein.»

«Niemand soll einsam sterben müssen.» Monika Naville

In all ihren Anstellungen ging sie stets pragmatisch vor und brachte neue Ideen ein. Im Zentrum stand immer das Wohlbefinden ihrer Patientinnen und Patienten. Sie machte sich zum Beispiel für Vorhänge stark, damit Patientinnen und Patienten im Onko-Ambulatorium auch ein bisschen Privatsphäre hatten. Und sie investierte auch immer wieder Freizeit, um in Ruhe bei einem sterbenden Patienten zu sitzen. Ihr oberstes Credo ist es nämlich, «dass niemand einsam sterben muss». Dieser Antrieb habe wahrscheinlich seinen Ursprung im frühen Tod der Mutter. Monika Naville war acht Jahre alt, als ihre Mutter starb.

Noch heute engagiert sich die Rentnerin für schwerkranke und sterbende Menschen. Zwar macht sie selber keine Sitzwachen mehr, nachdem ihre Enkelin, die selbst Pflegefachfrau ist, ihr ins Gewissen geredet hat. Irgendwann sei genug, meinte diese. «Sie hat recht», so Naville, «aber wenn ich nicht 82 Jahre alt wäre, würde ich immer noch zu hundert Prozent in der Palliative Care arbeiten». Trotzdem engagiert sie sich ehrenamtlich, leistet zum Beispiel Telefondienst für die Zürcher Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker ZVBS.

Die 82-Jährige hat keine Probleme, über den Tod oder das Sterben zu reden. Ihr gefällt in diesem Zusammenhang das Zitat der Philosophin Jeanne Hersch: «Wir haben den Mut zur Angst verloren.» Es gehe darum, die Angst vor dem Sterben zu minimieren, indem man darüber spreche und vorsorge. Ihr Ritual, täglich früh genug das Kalenderblatt abzureissen, ist ein kleiner Teil davon.

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