«Zu Hause begegnet man den Menschen ganz auf Augenhöhe»
20.05.26
2025 intensivierte Palliaviva die Kooperation mit Spitälern in der Region. Neue Ärztinnen und Ärzte unterstützen das Palliaviva-Team in hochkomplexen Situationen. Im Interview erzählt Palliativarzt Alf Schmidt vom Spital Bülach von seinen Erfahrungen.
Alf Schmidt, als Palliativmediziner warst du bisher ausschliesslich im stationären Bereich tätig. Nun gibt es mehr Schnittstellen zum ambulanten Bereich und zu Palliaviva. Wie erlebst du das?
Kürzlich konnte ich Ankie van Es vom Palliaviva-Team begleiten und mit ihr mehrere Patientinnen und Patienten zu Hause besuchen. Ich wollte das schon länger machen, und es war für mich sehr eindrücklich. Wenn Patientinnen und Patienten von unserer Palliativstation entlassen werden, kontaktieren wir sie in der Regel ein bis zwei Tage später telefonisch, um zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist. Wie es weitergeht, erfahren wir jedoch häufig nicht – es sei denn, sie treten erneut ins Spital ein. Zudem hatte ich bisher keine konkrete Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn wir eine Patientin oder einen Patienten bei Palliaviva anmelden. Durch diesen Einblick habe ich viel Klarheit gewonnen.
Was hat dich bei dieser Begleitung am meisten beeindruckt?
Als wir beim ersten Patienten vor der Tür standen, kam uns eine Mitarbeiterin der Spitex entgegen. So kam es zu einem spontanen, direkten Austausch und für den Patienten zu einem nahtlosen Übergang. Beim Besuch selbst haben mich die Nähe und der menschliche, respektvolle Umgang beeindruckt. Mir ist nochmals klarer geworden, wie wichtig es ist, die Menschen dort abzuholen, wo sie in ihrer Krankheit stehen, gemeinsam mit ihnen einen Plan zu erstellen und bei Bedarf improvisieren zu können. Palliative Care bedeutet auch, das Beste aus dem zu machen, was uns zur Verfügung steht.
Was ist anders als im Spital?
Mir kam es vor, als sei die Begegnung zu Hause noch ein Stück gleichberechtigter als im Spital. In der Klinik tragen wir als Ärztinnen und Ärzte einen weissen Kittel. Allein das führt mitunter zu einem Ungleichgewicht in der Beziehung mit den Patientinnen und Patienten. Zu Hause begegnet man den Menschen ganz auf Augenhöhe.
Eure Zusammenarbeit mit Palliaviva ist im letzten Jahr deutlich enger geworden. Was heisst das für dich?
Für mich und meinen Kollegen Mirko Thiene, den leitenden Arzt der Palliativstation im Spital Bülach, bedeutet das vor allem, dass wir für Palliaviva 365 Tage im Jahr Pikettdienste leisten. Wir teilen uns die sogenannten ärztlichen Hintergrunddienste für die in der Region rund um Bülach wohnhaften Patientinnen und Patienten von Palliaviva untereinander auf. Das bedeutet, dass uns das Palliaviva-Team bei komplexen medizinischen Fragen und in Notfällen rund um die Uhr anruft.
Worum geht es da konkret?
Häufig drehen sich die Fragen um Medikamentenanpassungen, etwa wenn sich Symptome plötzlich verstärken, oder um Verordnungen, zum Beispiel für Schmerzpumpen. Mit Schmerzpumpen können sich Patientinnen und Patienten in einem gewissen Rahmen selber nach Bedarf Schmerzmittel verabreichen. Hin und wieder diskutieren wir auch, ob eine – allenfalls vorübergehende – Spitaleinweisung sinnvoll wäre.
Wieso arbeitest du in der Palliative Care?
Mich interessieren die Interaktion mit den Menschen, komplexe medizinische Problemstellungen und lösungsorientierte Ansätze. In der Palliative Care zählt, wie jemand mit seiner individuellen Situation umgeht. Patientinnen und Patienten werden nicht nur in ihrer Krankheit wahrgenommen, sondern als Menschen mit vielfältigen Bedürfnissen. Wenn ich sie hier als Arzt unterstützen kann, erfüllt mich das mit Freude.
Aber es gibt doch auch viele schwierige Situationen …
Das stimmt. Wir führen auch Gespräche, in denen wir unserem Gegenüber mitteilen müssen, dass eine Erkrankung nicht heilbar ist. Die Herausforderung ist, behutsam und ehrlich zu sein. Oft merke ich dann, dass Menschen nicht nur traurig, sondern auch dankbar sind, endlich zu wissen, wo sie stehen, und die Diagnose zu verstehen. Doch klar: Ich habe auch schon Tage erlebt, in denen ich auf der Visite zehn Patientinnen und Patienten begegnet bin – und in jedem Zimmer gab es Tränen.
Das geht sicher nicht spurlos an einem vorbei. Wie ist das für dich?
Es gibt Tage, an denen mir diese Situationen mehr zu schaffen machen. Dann bin ich froh, dass ich mich im Team mit anderen Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachpersonen austauschen kann und mich nicht alleine fühle. Auch mein privates Umfeld ist hilfreich, denn manchmal trage ich eine Geschichte mit nach Hause. Meine Partnerin ist ebenfalls Ärztin. Auch dadurch fühle ich mich sehr gut verstanden.
Wo siehst du die grössten Herausforderungen für die Palliative Care?
Ich empfinde es als Privileg, dass wir aktuell im Spital Bülach so gute Rahmenbedingungen haben, um unheilbar kranke Menschen gut begleiten zu können. Dass wir die Zusammenarbeit mit Palliaviva nun verstärken konnten, erachte ich als sehr wertvoll. Unser gemeinsames Ziel ist es, Patientinnen und Patienten Gutes zu tun – oder um es in Schlagworten zu sagen: Wir möchten die patientenorientierte Versorgung optimieren. Dazu habe ich noch viele Ideen.
Welche denn?
Ich kann mir vorstellen, dass wir unsere Kompetenzen weiter verzahnen, etwa indem wir als Ärztinnen und Ärzte an Erstgesprächen von Palliaviva im ambulanten Bereich teilnehmen würden. Ein anderer Bereich, der mir am Herzen liegt, ist der Rettungsdienst. Hier gibt es, was die Ausbildung in Palliative Care anbelangt, in meinen Augen noch Lücken, obschon es im Alltag viele Berührungspunkte gibt. Diese Erfahrung mache ich auch als Notarzt, wenn ich mit dem Rettungsdienst ausrücke.
Wo siehst du diese Lücken?
Rettungssanitäterinnen und -sanitäter befinden sich täglich im Spannungsfeld zwischen dem Retten von Leben und der Begleitung von Menschen, die unheilbar krank sind. In ihren Einsätzen sind sie konfrontiert mit Patientinnen und Patienten in einer schweren Krise und mit starken Symptomen, die die Nummer 144 gewählt haben. Manchmal haben auch die Angehörigen in ihrer Ohnmacht den Rettungsdienst gerufen. Der Wunsch der Betroffenen ist aber häufig gar nicht, ins Spital gebracht zu werden. In der Krise braucht es die Symptomkontrolle und dann je nach Situation eine adäquate, professionelle Begleitung zu Hause, wie sie Palliaviva bieten kann.
Alf Schmidt, Jahrgang 1981, ist in Aachen (D) aufgewachsen und Oberarzt mit erweiterter Verantwortung im Kompetenzzentrum Palliative Care am Spital Bülach. Er absolvierte ursprünglich eine Ausbildung als Pflegefachperson, bevor er Medizin studierte. Seine Stelle auf der Palliativstation im Spital Bülach trat er im Juni 2024 an.

Linda Wallner von Palliaviva bespricht sich am Rand des Interdisziplinären Rapports im Spital Bülach mit dem Arzt Alf Schmidt.
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