Zwei Dienste, ein Ziel

16.09.19 | Sabine Arnold

Lachen trotz schwerer Büez (v. l.): Günter Imperiale, Marianne Unger und Lidia Palumbo.

Gemeinsam betreuen lokale Spitex-Organisationen und Palliaviva schwer kranke und sterbende Menschen in deren Zuhause. Weshalb braucht es beide Dienste? Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Marianne Unger, Palliativpflegefachfrau bei Palliaviva, Lidia Palumbo, Pflegefachfrau bei der Spitex Zürichsee, und Günter Imperiale, Leiter Pflege und Betreuung Spitex Zürichsee, erzählen die Geschichte von Frau K., einer Patientin, die im Mai verstorben ist.

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen der Spitex Zürichsee und Palliaviva, als es um die Pflege von Frau K. ging?

Marianne Unger: Von Anfang an vorbildlich. Bevor die Patientin aus dem Universitätsspital Zürich (USZ) austrat, gab es ein Rundtischgespräch, zu dem unsere beiden Organisationen eingeladen wurden. Die Patientin, die an einem fortgeschrittenen Lungenkarzinom litt, galt als austherapiert. Das heisst, sie verliess das Spital nur noch, um zu Hause zu sterben.

Günter Imperiale: Die Patientin sprach französisch und nur gebrochen Deutsch, sie stammte aus Afrika. Wir konnten eine Kollegin an dieses Gespräch schicken, deren Muttersprache französisch ist.

Wer war Frau K.?

Lidia Palumbo: Sie war Mitte vierzig und hatte Kinder im Teenager-Alter. Sie und ihr Mann lebten seit zwanzig Jahren in der Schweiz und waren hier als Flüchtlinge anerkannt. Vor ihrer Krankheit sorgte sie für das Einkommen. Die Familie befand sich also auch finanziell in einer schwierigen Lage.

MU: Das stimmt, aber das USZ sicherte von Beginn weg zu, dass es die Pflege zu Hause aus einem Fonds bezahlen wird. Die Familie war zudem in eine christlich-afrikanische Gemeinde eingebettet.

LP: Frau K. glaubte fest an Gott und daran, dass er sie durch ein Wunder noch heilen könnte. Trotz schlechter Prognose hatte sie mit der Chemotherapie nicht aufhören wollen. Sie konnte sich mit ihrer Krankheit nicht arrangieren. Schwierig für mich war, dass sie den Notfallplan und die entsprechenden Medikamente auch nicht akzeptierte. Sie hatte zwar ein Sauerstoffgerät zu Hause, litt aber trotzdem unter Atemnot. Morphin, das dieses Symptom rasch und gut hätte behandeln können, wollte sie nicht nehmen.

MU: Sie wehrte sich lange gegen das Morphin, das stimmt. Gegen Ende nahm sie es jedoch öfter. Ihr Krankenbett befand sich auf einer Matratze auf dem Wohnzimmerboden. Sie wollte die Kinder unter Kontrolle haben und war auf diese Weise mittendrin in der Familie. Gleichzeitig schottete sie ihre Söhne ab von der Krankheit. Sie sollten so unbelastet wie möglich bleiben.

Frau K. wollte unsere Dienste zuerst nicht annehmen, sondern wieder selbständig werden. Aber von ihren Kräften her war das nicht mehr möglich.» Lidia Palumbo, Spitex Zürichsee

Lidia Palumbo, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Frau K.?

LP: Ich machte als Fallverantwortliche für die Spitex die Vorabklärungen. Die Patientin war sehr erschöpft, mochte kaum sprechen. Sie wollte unsere Dienste zuerst nicht annehmen, sondern wieder selbständig werden. Aber von ihren Kräften her war das nicht mehr möglich. Schliesslich willigte sie für die Grundpflege einmal pro Woche ein. Wegen ihres schlechten Allgemeinzustands plante ich nur diplomiertes Personal ein. Ich versuchte, immer dieselbe Kollegin vorbeizuschicken, damit Frau K. Vertrauen aufbauen konnte.

Was war Palliavivas Aufgabe?

MU: Die Patientin war von ihren Kontakten mit medizinischem Personal traumatisiert. Denn bei jedem ihrer Aufenthalte im Spital erhielt sie stets schlechte Nachrichten. Das versetzte sie in grosse Spannung, wenn wir sie besuchten. Trotzdem bauten wir das interprofessionelle Betreuungsteam zu Hause so gut wie möglich auf, organisierten zum Beispiel einen Hausarzt für Hausbesuche. Er blieb jedoch im Hintergrund; die Patientin wollte ihn gar nie sehen. Nach jedem unserer Besuche, zu dem die Symptomkontrolle und Gespräche gehören, brachten wir alle beteiligten Fachpersonen mit dem Verlaufsbericht per Mail auf den neusten Stand.

Wie tauschten sie sich sonst noch miteinander aus?

LP: Eines Tages stellte unsere Pflegefachfrau, die Frau K. duschen wollte, eine schwere Atemnot fest. Sie konnte fast nicht mehr aufstehen. Ich nahm daraufhin Kontakt mit Marianne Unger auf und fragte, was wir tun können – und sie riet eben zur Gabe von Morphin. Dringendes oder Neuigkeiten besprachen wir jeweils per Telefon. Neben der Atemnot, waren auch Frau K.s Ängste ein Thema oder – ganz praktisch – wer ein Duschbrett organisiert.

Wir haben die wichtigsten Medikamente stets dabei und Ärztinnen im Hintergrund, die sie im Notfall auch an einem Wochenende verordnen könnten.» Marianne Unger, Palliaviva

Hatten Sie nie das Gefühl, man mische sich in ihren Fall ein?

LP: Nein, ich bin mich an die Zusammenarbeit mit spezialisierten Diensten gewohnt. Wir klären jeweils zu Beginn, wer welche Aufgabe übernimmt. Palliaviva kann zum Beispiel leichter Anpassungen bei den Medikamenten vornehmen.

MU: Wir sind Pflegefachpersonen und können uns nur im Rahmen des Massnahmenplans bewegen. Diesen haben wir für alle möglichen Notfallsituationen entworfen, und eine Hausärztin oder ein Hausarzt hat ihn abgesegnet.

GI: Palliavivas Vorteil ist sicher, dass die Stiftung über Medikamente für die Palliativpflege verfügt. Wir übernehmen zwar bei einigen Kundinnen und Kunden das Management der Medikamente, aber diese befinden sich bei den Kunden. Wir dürfen keine Medikamente bei uns lagern.

MU: Ja, wir haben die wichtigsten Medikamente stets dabei und Ärztinnen im Hintergrund, die sie im Notfall auch an einem Wochenende verordnen könnten.

GI: Genau, ihr könnt schnell handeln. Wir hingegen warten manchmal fünf bis sechs Tage auf eine Verordnung.

Wer hat im Fall von Frau K. den anderen Dienst zugezogen?

LP: Das Spital hat uns beide gleichzeitig involviert.

GI: Es ist ziemlich ausgeglichen, häufig initialisiert das Spital. Manchmal denkt Palliaviva dran, uns auch zu involvieren, manchmal wir, zum Beispiel wenn wir an fachliche Grenzen stossen, etwa mit einem implantierten Kathetersystem wie dem Port-a-Cath.

Welche anderen Gründe gibt es, dass die Spitex Palliaviva hinzuzieht?

GI: Wenn sich unsere Klientinnen und Klienten in einer palliativen Situation befinden und unter komplexen Symptomen wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst oder Delir leiden. Oder wenn es um medizinisch-technische Themen geht, in denen wir keine spezialisierte Erfahrung haben. Manchmal braucht es uns auch gar nicht, da klärt Palliaviva ab und hält uns auf dem Laufenden, falls bei zunehmender Pflegebedürftigkeit unsere Unterstützung nötig würde.

MU: Wir arbeiten wirklich Hand in Hand. Bei einem aktuellen Palliativpatienten geht die Spitex jeden Tag vorbei, wir einmal wöchentlich. Die Situation könnte sich täglich verschlechtern. Die Kolleginnen von der Spitex sind in der Lage, mit den Medikamenten vor Ort richtig zu reagieren, oder sie können uns aufs Piketttelefon anrufen. Dies gibt auch uns Sicherheit.

Unser Blick ist anders, wir sehen, wie sich die Menschen bewegen, etwa beim Waschen. Wir stellen Verschlechterungen fest, auch wenn die Klientin diese vielleicht nicht wahrhaben will.» Lidia Palumbo, Spitex Zürichsee

Tun Sie das, Lidia Palumbo, rufen Sie aufs Piketttelefon an?

LP: Ja, sicher. Durch Palliaviva können wir eine rasche Verbesserung beim Klienten bewirken, zum Beispiel wenn er starke Schmerzen hat. Unser Blick ist anders, wir sehen, wie sich die Menschen bewegen, etwa beim Waschen. Wir stellen Verschlechterungen fest, auch wenn die Klientin diese vielleicht nicht wahrhaben will oder, wie bei einer Demenz, nicht mitteilen kann.

GI: Wir pflegen und betreuen mehrheitlich Langzeitkunden, können eine Beziehungsebene aufbauen. Dieses Vertrauen ist viel wert.

MU: Wenn Patienten sagen, sie wollen die örtliche Spitex nicht involvieren, argumentiere ich oft mit den Angehörigen. Für sie ist es hilfreich, wenn sie sich einmal pro Tag mit einer Fachperson austauschen, ihre Sorgen mitteilen können. Sie sind nicht mehr alleine mit ihren Problemen.

GI: Für das soziale Umfeld stellt die Spitex oft eine enorme Entlastung dar. Wir kümmern uns um den Haushalt, um die Grundpflege, und der Sohn oder die Tochter kann sich ganz ums Mami kümmern.

Komplexe ambulante Betreuungssituationen rechtzeitig aufzugleisen, geschieht im stationären Bereich noch zu selten. Die Spitäler müssen Austritte generell besser vorbereiten.» Günter Imperiale, Spitex Zürichsee

Wie waren Frau K.s letzte Tage?

MU: Als ich eines Tage vorbeigehen wollte, stand ich vor verschlossener Tür. Ihr Mann hatte sie wegen der Atemnot ins Spital gebracht. Im Stress hatte er vergessen, uns zu informieren. Kurz darauf starb sie. Ich habe noch zwei Mal mit ihm telefoniert.

Wie geht es ihm und den Kindern heute?

MU: Kurz nach ihrem Tod war er natürlich mit Organisatorischem beschäftigt und nach wie vor gut eingebettet in seine Kirchgemeinde. Diese unterstützt ihn und die Kinder weiterhin. Ich werde in ein paar Wochen nochmals nachfragen.

Wie beurteilen Sie alle diesen Fall im Nachhinein? War er schwierig? Ist er gut gelaufen?

LP: Ich arbeite seit drei Jahren bei der Spitex und habe noch wenig Erfahrung mit terminalen Situationen. Die Geschichte von Frau K. hat mich emotional mitgenommen, weil sie noch so jung war, so fest am Leben hing und ihre Krankheit nicht akzeptieren wollte. Ich werde sie wohl nie vergessen.

GI: Sicher glücklich war, dass wir beide von Anfang an involviert waren. Komplexe ambulante Betreuungssituationen rechtzeitig aufzugleisen, geschieht im stationären Bereich noch zu selten. Von heute auf Morgen können wir ambulanten Dienste das nicht immer bieten. Die Spitäler müssen Austritte generell besser vorbereiten.

MU: Für Frau K. konnten wir nicht mehr tun, als wir getan haben. Schliesslich akzeptierte sie, dass die Spitex und wir je einmal pro Woche vorbeigekommen sind. Ein behutsames Vorgehen in solchen Situationen bewährt sich meist. Wir machen den Patientinnen und Patienten ein Angebot. Annehmen müssen sie es selbst.

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