Zusammen sind sie am besten

14.10.21 | Sabine Arnold

Danke fürs Teilen.
Spitex Embrachertal

Corina Hohl (links) und Nadja Inderkum

Um Menschen zu Hause in palliativen Situationen zu begleiten, arbeiten Spitex und Palliaviva eng zusammen. Armin H. litt an einem fortgeschrittenen Gallengangkarzinom und durfte Ende Mai zu Hause sterben. Die Pflegefachfrauen Corina Hohl (Spitex) und Nadja Inderkum (Palliaviva) haben ihn und seine Familie begleitet.

Als Herr H. verstorben war, gingen noch Mails hin- und her zwischen euch. Ihr habt euch für die gute Zusammenarbeit bedankt. Was war für euch «gut» an der Betreuung von Herrn H.?

Corina Hohl (CH): Ich wusste stets, dass ich jemanden im Rücken habe, den ich um Rat fragen kann, wenn ich irgendwo anstand. Der Patient litt zum Beispiel unter starkem Würgereiz. Manchmal würgte er und würgte und ich stand machtlos neben ihm. Dass Palliaviva ihn, seine Ehefrau, die gesamte Situation ebenfalls kannte, gab mir Sicherheit. Ich konnte Möglichkeiten besprechen, was ihm Linderung verschaffen könnte.

Nadja Inderkum (NI): Ich wusste, dass für den Patienten und seine Familie täglich gesorgt ist. Ich konnte mich darauf verlassen, dass die Spitex uns Veränderungen meldet. Wenn die Symptomlast zu hoch wurde, planten wir wieder einen Einsatz. Die Ehefrau war nämlich zu Beginn zurückhaltend darin, uns zu rufen.

Welche Bedürfnisse standen bei diesem Patienten und seiner Familie im Vordergrund?

NI: Der Patient hatte Symptome wie Schmerzen, Übelkeit, Fatigue – eine allgemeine Kraftlosigkeit –, die wir zu justieren versuchten. Zudem litt er unter Aszites, einer Ansammlung von Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Deren Ablassen führte leider zu vielen Komplikationen. Trotzdem beanspruchte der Patient mich nicht stark, es war eher die Ehefrau, die immer näher an ihrer Belastungsgrenze kam. Zu Beginn war sie sehr strukturiert, schrieb sich alles auf Zettel. Mit der Zeit gerieten diese Papiere immer mehr in Unordnung – für mich ein Zeichen der grossen Belastung, die sie trug.

Was hast du konkret getan, um ihr zu helfen?

NI: Als ich in einem Gespräch mit meinen Worten ihre Belastung nachzeichnete, fühlte sie sich erkannt und das Vertrauen wuchs. Danach wurde der Patient kurzzeitig in die Palliativstation des Kantonsspital Winterthur verlegt. Ich riet zu mehr Spitex-Einsätzen pro Tag und schlug vor, das Gespräch mit einer Psychoonkologin und bei der Krebsliga Unterstützung in organisatorischen Fragen zu suchen. Ich zeigte ihr weitere Entlastungs-Möglichkeiten auf. Sie sagte einmal, sie wisse, dass ihr eine Auszeit gut tun würde, deren Organisation strenge sie aber zu stark an.

Ich hätte immer noch viel mehr machen können, aber zu viel hätte den Patienten oder seine Angehörigen überfordert.»
Corina Hohl, Spitex Embrachertal

Corina, was stand bei euren täglichen Besuchen im Fokus?

CH: Eher der Patient. Ich stellte zu Beginn fest, dass er die Diagnose noch gar nicht richtig angenommen hatte. Er wollte weiterhin alle Medikamente schlucken, obwohl deren Einnahme sofort zu einem Würgereiz führte. Ich zeigte ihm auf, welche Medikamente noch sinnvoll sind. Irgendwann kam zu den Symptomen ein starker Juckreiz hinzu. Ich war froh um Tipps, die ich von Palliaviva bekam. Zum Teil brachten sogar Hausmittelchen Linderung, während Medikamente nichts nützten. Ich versuchte vor allem abzudecken, was ihm hilft. Mir war aber auch wichtig, dass die Frau ihre Sorgen bei uns deponieren konnte.

Wenn ihr Patient und Familie mit Ratschlägen überhäuft, blocken sie vielleicht ab. Gleichzeitig wäre für die Lebensqualität von allen wichtig, dass sie einige Tipps annehmen. Wie dosiert ihr eure Vorschläge richtig?

CH: Es braucht Feingefühl. Ich habe mich immer gefragt: Was braucht es grad akut für die beiden, damit sich die jetzige Situation verbessert? Ich hätte immer noch viel mehr machen können, aber zu viel hätte den Patienten oder seine Angehörigen überfordert.

NI: Häufig hat man ein Bauchgefühl, das einem sagt, wo sich Nachfragen lohnt. Beim Organisieren von Hilfsmitteln muss man zudem die Grenze zur Überforderung spüren. Herr H. zum Beispiel rieten wir wegen seine Schwäche schon früh zu einem Rollator. Das kam für ihn zuerst überhaupt nicht in Frage. Als er sich schliesslich dazu durchrang, konnte täglich in den Garten gehen und die Sonne geniessen.

Was ist euch sonst in Erinnerung geblieben in dieser Begleitung?

CH: Die Ehefrau sagte oft fast entschuldigend zu mir, sie sei halt nicht die einfachste und ein Kontrollfreak. Ich hab ihr Engagement jedoch verstanden. Logisch, man will als Angehörige alle möglichen Pannen aus dem Weg räumen Schön war immer, wenn die Enkel da waren. Sie erfüllten ihn mit Freude. Diese war richtig zu spüren.

Du hast also Herrn H.s Alltag miterlebt, und die Lebensqualität, die er noch hatte?

CH: Genau. Seine Frau ermöglichte ihm ein paar Wochen vor dem Tod ausserdem einen Ausflug ins Tessin, wo die Familie einen Wohnwagen besitzt. Das war sein grösster Wunsch. Das fand ich wunderbar.

NI: Im März nahmen sie ihn auch noch in die Skiferien mit. Dort hatten wir zum Entleeren der Drainage zwar die lokale Spitex organisiert. Das klappte aber doch nicht, und die Familie stemmte alles selbst. Sehr beeindruckend!

Die Kolleginnen der Spitex sind unsere Augen. Sie kriegen einen kontinuierlichen Verlauf mit.»
Nadja Inderkum, Palliaviva

Corina, was kann Palliaviva, was ihr nicht könnt?

CH: Vieles an medizinal-technischen Aufgaben, zum Beispiel den Port (einen unter der Haut liegenden Venenkatheter) anstechen. Die Palliaviva-Kolleginnen wissen gut über Medikamente für palliative Situationen Bescheid. Die Notfall-Pläne, die sie erstellen, sind für uns eine grosse Hilfe.

NI: Die Ehefrau setzte alle Hebel in Bewegung, als das Abflusssystem für die Aszites leckte. Du, Corina, gingst sofort vorbei und wir besprachen übers Telefon, was das Problem sein könnte. Dieses Beispiel zeigt einer der Vorteile, die die Spitex hat: Sie ist viel näher bei den Patientinnen und Patienten.

Was sind ausserdem Vorteile der Spitex, Nadja?

NI: Die Kolleginnen und Kollegen der Spitex kriegen einen kontinuierlichen Verlauf mit. Sie sind unsere Augen. Wir sind auf sie angewiesen, weil wir in der Regel nur einmal pro Woche regelmässig vor Ort sind.

Der Text wurde ursprünglich für die Jubiläumszeitung der Spitex Embrachertal geschrieben. Wir gratulieren den Kolleginnen herzlich zum 20-Jahr-Jubiläum.

Zu den Personen

Corina Hohl (27) hat Fachangestellte Gesundheit gelernt und das Diplom HF gemacht. Sie arbeitet seit 7,5 Jahren bei der Spitex Embrachertal.

Nadja Inderkum (30) ist diplomierte Pflegefachfrau und hat ein Nachdiplom in Onkologiepflege gemacht. Bevor sie zu Palliaviva kam, arbeitete sie am Kantonsspital Winterthur (KSW) in der Onkologie.

 

Hier spenden

Helfen Sie Menschen in ihrer letzten Lebensphase.

Nach oben
Feedback

Vielen Dank für Ihren Besuch

Erfahren Sie auch weiterhin von unseren Neuigkeiten. Jetzt Newsletter abonnieren: