Das Unfassbare fassen
03.03.26
Literatur
Ist der Tod aus unserem Leben verschwunden? Haben wir ihn verbannt, indem wir ihn totschweigen? Wer den Tod verschweigt, lässt die Hinterbliebenen verstummen. Und wer schweigt, kann nicht heilen. Es ist notwendig, dass Angehörige reden und ihre Erfahrungen teilen – über die gemeinsame Zeit, die Liebe, die Freude und die Trauer.
Den Tod überleben: Wie es geht, den Tod seiner geliebten Frau zu überleben, davon erzählt der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid im gleichnamigen Buch. «Was ist mit meinem eigenen Leben? Was kann daraus noch werden? Ist es mir möglich, im vollen Bewusstsein des Todes das Leben zu lieben?»
Bei Schmid sind die Toten nicht einfach verschwunden – sie bleiben gegenwärtig. Das kann irritieren, denn es widerspricht unserer gewohnten Vorstellung vom Tod als radikalem Bruch. Für den Autor aber ist das Verstehen des Todes ein Teil des Lebenkönnens: Alles darf einzeln betrachtet werden, doch nichts kann isoliert verstanden werden.
Ein zentraler Gedanke im Buch ist der der Energie. Ein Mensch und sein Körper altern und vergehen. Wärme, Lebenskraft und elektrische Impulse – eben die Energie – verlassen mit dem Tod den Körper. Doch für Schmid geht diese Energie nicht verloren. Denn für ihn ist der Tod nicht das Ende der Energie, sondern nur deren Übergang in eine andere Form.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob das Leben nicht dort endet, wo die Energie nicht mehr reicht, es zu tragen? Schmid entzieht sich dieser biologischen Sicht und eröffnet eine philosophische: Vielleicht ist es die bleibende Energie – Liebe, Wirkung, Erinnerung – die der Tod nicht beenden kann.
Im Kapitel «Liebe bis in den Tod» schreibt Schmid über die Idee der Ummantelung – und damit über die palliative Behandlung (vom lateinischen pallium, «Mantel»). «Eine Liebe bis in den Tod ist der Beistand für einen Menschen in der letzten Phase seines Lebens.» Sterbende menschlich zu versorgen – sei es daheim in den eigenen vier Wänden, in einem Hospiz oder auf einer Palliativstation eines Spitals – bedeutet, ihnen diese Ummantelung zukommen zu lassen.
«Bis zuletzt beim Sterbenden zu bleiben und Sterben und Tod aus nächster Nähe mitzuerleben, ist eine unvergessliche Erfahrung.»
Diese Gedanken machen das schmale Buch besonders lesenswert. Wenn Schmid schreibt: «Bis auf den Grund wühlt die Nähe des Todes das Leben auf. Nivelliert wird alles, was im Leben wichtig war, fragwürdig alles, was selbstverständlich war, sinnlos alles, was bedeutend erschien», dann ist das tiefgründig, ohne ins Pathetische zu kippen. Und es entspricht dem, was Hinterbliebene fühlen. Das Buch gewinnt gerade dort an Stärke, wo es versucht, Tod und Sterben als Teil des Lebens zu begreifen – etwas, dem wir Bedeutung verleihen müssen.
Ein wichtiger Aspekt im Buch ist, dass es «Sache des Einzelnen selbst ist, ein Gespräch mit den Toten für möglich zu halten». Das heisst, den Toten im alltäglichen Leben Raum und Zeit zu geben. Das ist ein schöner Gedanke, der uns tragen kann, und vielleicht können wir ihn bewusst in unseren Alltag einbauen.
Kommen wir überhaupt umhin, eine Beziehung zum Tod einzugehen? Möglicherweise gehen nur «Überlebende» eine Beziehung zum Tod ein? Eine positive Beziehung, so Schmid, eröffne die Möglichkeit, den Tod zu akzeptieren. Vielleicht hätte man nichts gegen den Tod, wenn er sich nicht einfach mitten ins Leben drängt, zu früh kommt. Aber eventuell ist der Tod für die Angehörigen schwerer zu begreifen als für die Sterbenden selbst.
Wilhelm Schmids Frau starb an Heiligabend 2021. Heiligabend war ihr die wichtigste Zeit des Jahres. Genau zu dieser Zeit ist sie gegangen. War es ein Zufall? Absicht? Vielleicht wissen die Sterbenden eben manchmal doch mehr? – Katrin Zbinden
Wilhelm Schmid: Den Tod überleben. Vom Umgang mit dem Unfassbaren, Insel, 2024
Katrin Zbinden (Jahrgang 1975) kennt Palliaviva als Angehörige und schreibt für diesen Blog in loser Folge Rezensionen von Büchern übers Leben und Sterben. Ihr Mann starb im Frühling 2024 an einem bösartigen Hirntumor. Seither macht Katrin Zbinden die Erfahrung, dass ihr Lesen bei der Verarbeitung der Trauer hilft. So entstand eine Literaturliste, die sie anderen Interessierten zur Verfügung stellt.
Sie ist ehemalige Verlagsleiterin einer Architekturzeitschrift und arbeitet freiberuflich für die Stiftung Architektur Schweiz und für Camponovo Baumgartner. Mehr übers Lesen und über sich erzählt sie im Podcast.