Wenn sich eine Gemeinschaft kümmert

02.04.19 | Sabine Arnold

Meist nehmen sich die nächsten Angehörigen eines schwerkranken Menschen an. Diese Last kann aber auch auf mehrere Schultern verteilt werden. Das zeigt eine berührende Geschichte, die Palliaviva kürzlich erlebt hat.

«Einmal war der Doodle innerhalb von dreissig Minuten gefüllt, ohne dass ich die Gelegenheit gehabt hätte, mich einzuschreiben», erzählt Simone und strahlt. «Das ist doch wunderschön.» In den Online-Kalender trugen sich die Mitglieder der «Gemeinschaft» ein, die Simones Ehemann in seinen letzten Lebenswochen Tag für Tag betreuten. Der Autor und Historiker starb Mitte Januar 78-jährig in seinem Zuhause in Richterswil. Die Witwe und ihre Freundin Theresa sitzen einen guten Monat danach in ihrem Esszimmer, das Licht der Frühlingssonne fällt auf den Holztisch.

Die «Gemeinschaft» besteht aus dreissig Personen, die drei Generationen angehören. Gewachsen ist die Gruppe aus einer Wohngemeinschaft in den 70er-Jahren. Drei Familien zogen zusammen ihre Kinder auf. Dazu kamen weitere befreundete Familien und Paare. «Daraus wuchsen tiefe Freundschaften », sagt Simone.

Als der Schriftsteller sieben Wochen lang im Spital lag, sass täglich ein Mitglied der Gemeinschaft an seinem Bett.

Vor viereinhalb Jahren zogen Theresa, Simone und ihr Mann in eine Altbauvilla mit Blick auf den Zürichsee, hoch oben am Richterswiler Hang. Damals wussten sie bereits, dass der Autor an Darmkrebs leidet. Die erste Operation hatte er bereits hinter sich.

Die beiden Frauen teilen sich eine helle Fünfzimmerwohnung. Mehrere Holztreppen führen hinauf in den Dachstock, in dem sich der Historiker einrichtete. Den Wänden entlang reiht sich Buchrücken an Buchrücken, ein grosser Computerbildschirm erhebt sich auf dem Schreibtisch, zwei Gitarren stehen in einer Ecke. So stellt man sich eine Gelehrtenstube vor.

Die Welt im Krankenzimmer

Als der Schriftsteller sieben Wochen lang im Spital lag, sass täglich ein Mitglied der Gemeinschaft an seinem Bett. Der Kranke bestimmte selbst, wer ihn besuchen durfte und wer nicht. «Es hat immer wie am Schnürchen geklappt. Alle standen da wie eine eins», sagt Simone. Toll sei gewesen, ergänzt Theresa, dass der Patient genau wusste, von wem er was bekommt. «Zu mir sagte er jeweils, ich solle ihm erzählen, was in der Welt so geschieht. Er wusste, dass ich täglich Zeitung lese.» Mit einer anderen Freundin sprach er über Träume. Eine dritte ist Cranio-Sacral-Therapeutin. Sie durfte ihn sogar berühren. Mit einem Freund unterhielt er sich übers Jassen und über Alltagsgeschichten.

Die Ehefrau sagt, es sei für sie nicht einfach gewesen, das Krankenbett zu verlasen. Obwohl sie als Paar eigentlich keine symbiotische Beziehung führten, kam in ihr manchmal Eifersucht hoch. «Ich musste lernen, in der Zeit, die ich nicht an seinem Bett verbringe, abzuschalten und sie bewusst zu gestalten.»

«Er war zwar körperlich schwach, aber klar im Kopf und organisierte seinen Austritt nach Hause. Ich war ursprünglich dagegen.»
Simone, Ehefrau des Patienten

Ihr Mann erholte sich nach der Verlegung ins Paracelsus-Spital Richterswil überraschend gut. «Er war zwar körperlich schwach, aber klar im Kopf und organisierte seinen Austritt nach Hause. Ich war ursprünglich dagegen», sagt Simone. Ihr wäre wohler gewesen, er wäre ins Hospiz in Hurden SZ gegangen. Er sprach aber davon, trainieren zu wollen, damit er wieder Treppen steigen kann. Einen Plan B. gabe es für ihn nicht.

Überhaupt weigerte er sich während des ganzen Krankheitsprozesses, vorauszuschauen und für den Moment seiner Pflegebedürftigkeit zu planen, sagt Theresa. Die zwei Frauen überlegten sich ab und an, wie seine Pflege und Betreuung zu Hause aussehen könnte. Er nicht. Er sprach ausserdem mit nur ganz wenigen Menschen über seine Krankheit. Sein Arbeitsumfeld wusste nichts davon, nur die Gemeinschaft war eingeweiht.

Viel Betrieb unter dem Dach

Ihr Mann plante zwar nicht mit, fügte sich ihren Vorschlägen aber, sagt Simone. Sie einigten sich darauf, dass das Pflegebett in der Gelehrtenstube aufgebaut wird. Sie bezog nachts das einfache Zimmer gleich nebenan.

In den ersten zwei Tagen, die der Patient zu Hause verbrachte, herrschte viel Betrieb unter dem Dach. Die lokale Spitex liess sich in der Handhabung des Katheters für die künstliche Ernährung schulen, die der stark abgemagerte Kranke erhielt. Palliaviva kam ebenfalls vorbei.

Der Zustand des Kranken verschlechterte sich rapide. Ans Treppensteigen war nicht mehr zu denken. In den Nächten war er unruhig, von Ängsten geplagt und verweigerte die Einnahme jeglicher Medikamente. Karin Zimmermann, Palliativ-Pflegefachfrau von Palliaviva schlug vor, dem Patienten mittels einer Pumpe kontinuierlich Schmerz- und ein Schlafmittel zu verabreichen. Simone sagt rückblickend, der Entscheid, ihren Mann so in einen künstlichen Schlaf zu versetzen, sei schwierig gewesen. Sie fühlte sich jedoch gut beraten und getragen von der Palliaviva-Pflegenden und Monika Jaquenod, der Ärztin, die beratend zur Seite stand. In den letzten zwei Nächten kam zudem Orbetan, eine professionelle Nachtwache, zum Einsatz, damit die Gattin auch einmal schlafen konnte.

Zu dritt waren sie bei ihm, als er starb.

Am Nachmittag des 19. Januars 2019 war eine Freundin beim Patienten, als sich seine Atmung veränderte. Sie rief Simone und Theresa ins Zimmer, die – als hätten sie es gespürt – bereits vor der Türe standen. Zu dritt waren sie bei ihm, als er starb. Das sei kein sanftes Einschlafen gewesen, erzählt Simone. Seine letzten Atemzüge waren nicht entspannt, sondern «er wirkte, als müsse er sich durch etwas hindurchzwängen», ergänzt Theresa. Weil sie zu dritt gewesen seien, habe sie sich aber getragen gefühlt, sagt Simone. «Ein grosses Geschenk.»

Dieses Interview erschien auch im Palliaviva-Jahresbericht 2018.

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