«Vor den Patientinnen, Patienten und ihren Angehörigen ziehe ich meinen Hut»

29.03.19 | Sabine Arnold

Dimitra Pistolas‘ Herz schlägt für die Rettung. Die 33-Jährige erfüllt sich mit der Ausbildung zur Rettungssanitäterin einen Traum. In diesem Rahmen absolvierte sie ein zweiwöchiges Praktikum bei Palliaviva.

Weshalb hast du dich für ein Praktikum bei Palliaviva entschieden?

Dimitra Pistolas: Weil mich das Thema Lebesende reizt: Die meisten Patientinnen und Patienten wissen ja, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Mich hat interessiert: Wie gehe ich auf diese Menschen zu? Wie geht es ihren Angehörigen? Wir mussten das Praktikum im Bereich Pflegeheim oder Spitex absolvieren. Die lokale Spitex hätte mir vermutlich zu wenig Spannung geboten, und der Langzeitbereich hat mich auch nicht so gereizt.

Was hat dir gefallen?

Dass die meisten Patientinnen und Patienten ihre Krankheit bereits akzeptiert haben und es ihnen bewusst ist, dass sie sterben müssen. Mich hat fasziniert, wie stark sie und auch ihre Angehörigen sind. Vor ihnen allen ziehe ich meinen Hut.

«Seit ich mit der Ausbildung zur Rettungssanitäterin begonnen habe, sehe ich mein Leben und das meines Kindes, meines Mannes, meiner ganzen Familie anders.»

Hast du dich in diesen Tagen verstärkt mit deiner Endlichkeit auseinandergesetzt?

Ja. Aber ich kenne das aber bereits von meinem Job als Rettungssanitäterin. Seit ich mit der Ausbildung begonnen habe, sehe ich mein Leben und das meines Kindes, meines Mannes, meiner ganzen Familie anders. Ich schätze viel mehr als früher, als ich noch im Büro tätig war, was wir haben.

Was hat dich erstaunt?

Bei unserem letzten Einsatz weinte eine Patientin, und mir traten ebenfalls die Tränen in die Augen. Ihr Schicksal hat mich mitgenommen. Das kannte ich nicht von mir. Im Rettungsdienst passiert mir das nie.

Dort kannst du dich besser abgrenzen?

Ja, das mag daran liegen, dass ich Patientinnen und Patienten nur eine kurze Zeit begleite. Durch die Uniform kann ich meine Betroffenheit irgendwie besser im Zaum halten, und ich kann das Erlebte am Abend mit der Arbeitskleidung im wahrsten Sinne des Wortes abstreifen, wenn ich nach Hause gehe. Das war hier nicht der Fall. Bei Palliaviva war ich ja mit den privaten Kleidern unterwegs.

Wie unterscheidet sich dieser Job ausserdem von deiner Arbeit beim Rettungsdienst?

Mich hat erstaunt, dass hier meistens ohne Handschuhe gearbeitet wird. Bei uns hat der Eigenschutz immer Vorrang. An einem Unfallort oder bei den Leuten zu Hause, geht unser Schutz vor. Gestern hatte ich zum Beispiel Mühe, weil in einer Patientenwohnung ein Hund war, und ich panische Angst vor Hunden habe. Wenn wir als Rettungsteam in eine Wohnung kommen, bitten wir die Bewohner, die Haustiere wegzusperren.

«Die meisten eurer Patientinnen und Patienten wollen nicht reanimiert werden. Das wäre für mich mit meinem Background ganz schwierig auszuhalten.»

Welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Wir arbeiten beide nach einem Schema. Gleichzeitig setzen wir vom Rettungsdienst aber sofort um, handeln rasch. Wenn jemand zum Beispiel einen Herz-Kreislauf-Stillstand hat, greifen wir ein. Bei euren Patientinnen und Patienten darf man meistens nicht handeln, die meisten wollen nicht reanimiert werden. Das wäre für mich mit meinem Background ganz schwierig auszuhalten. Ich habe ein paar Mal gedacht: Man kann im Notfall doch einfach die Nummer 144 wählen.

Welchen Platz hat die Menschlichkeit in der Rettung?

Einen grossen. Ich habe jedenfalls noch nie einen Kollegen erlebt, der gegenüber Patientinnen und Patienten unmenschlich auftritt. Ich selber gehe gerne auf Wünsche ein, zum Beispiel was das Spital betrifft. Wenn es geht, bringen wir die Menschen dorthin, wo sie sich am wohlsten fühlen.

Sagen wir, ich hätte einen Velounfall gehabt, und würde nach einer Absenz bei dir im Rettungswagen erwachen. Wie beruhigst du mich?

Ganz wichtig ist die Aufklärung der Patientin: Ich erkläre, was passiert ist, weshalb wir hier sind und wie der weitere Ablauf ist. Die Kommunikation zwischen Rettungssanitäter und Patient finde ich persönlich sehr wichtig.

Informierst du auch die Angehörigen?

Ja, natürlich. Das mache ich auch.

Du hast vorher im Büro gearbeitet. Weshalb bist du Rettungssanitäterin geworden?

Ich hegte bereits als 18-Jährige diesen Berufswunsch. Als ich aber Mutter wurde, stellte ich ihn zurück. Meine Tochter ist inzwischen neun Jahre alt, und deshalb konnte ich meinen Traum jetzt verwirklichen. Ich wurde an der höheren Fachschule für Rettungssanitäterinnen angenommen und fand danach einen Ausbildungsplatz beim Rettungsdienst des Spitals Männedorf.

Ist die Rettung nicht ein totaler Männerberuf?

Ich finde nicht, nein. Früher waren das Tragen und das Heben sicher ein Problem, weil man viel mehr mit Muskelkraft arbeiten musste. Heute haben wir Hilfsmittel wie elektrische Tragen oder einen Stuhl, mit dem man dank einer Raupe die Treppe hinunterfahren kann. Ich habe auch schon zusammen mit einer Teamkollegin einen Mann hochgehoben. Man muss ein bisschen trainieren und sicher rückenschonend arbeiten, dann geht es.

 

Zur Person

Dimitra Pistolas (33) lernte ursprünglich Zahnarztgehilfin, wechselte nach der Geburt ihrer Tochter aber ins Büro. Momentan ist sie in der Ausbildung zur Rettungssanitäterin am Spital Männedorf. In diesem Rahmen hat sie ein zweiwöchiges Praktikum bei Palliaviva absolviert.

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