Was macht der Palliativ-Seelsorger?

28.01.26

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Porträt von Volker Schmitt, Palliativseelsorger.

Ist er der Mann mit der Bibel unter dem Arm, der nur für die letzte Ölung vorbeikommt? «Nein, ganz sicher nicht», sagt Volker Schmitt. Er gehört zum Team von «Palliativseelsorge. Begleitung daheim». Der Kontakt wird von Palliaviva vermittelt, wenn Betroffene dies wünschen.

Montagnachmittag, 16.30. Der Interdisziplinäre Rapport (IDR) in der Villa Sonnenberg, ist seit einer halben Stunde vorbei. Volker Schmitt erhebt sich von seinem Stuhl am Sitzungstisch. «Ich gehe kurz zum Auto und hole das Weihwasser», sagt er. Kurz darauf kehrt er mit einer vollen Glasflasche zurück.

Am IDR hat der Seelsorger erfahren, dass einer der Patienten, die er in den letzten Wochen begleitet hat, im Sterben liegt. Nun wurde der Mann von zu Hause in die «Villa» gebracht, ins Kompetenzzentrum für Palliative Care des Spitals Affoltern. Hier wird er sterben. Volker Schmitt hat die zu Besuch weilende Frau und eine der Töchter gefragt, ob sie ein religiöses Abschiedsritual wünschen.

Auch Alltagsfragen haben Platz

Der katholische Seelsorger begleitet Menschen, die auch mit Palliaviva in Kontakt stehen, wenn sie dies wünschen. Bei seinen Besuchen zu Hause kommen alle möglichen Themen auf den Tisch. Es sind Gespräche über Religion, über Gott und die Welt, aber schlicht auch über Alltagsfragen, die die Leute in ihren Krankheitssituationen gerade beschäftigen. «Ich gehe offen in diese Begegnungen», sagt Volker Schmitt im Podcast von Palliaviva. «Mein Gegenüber gibt die Themen vor – nicht ich.»

Manchmal hat der 52-jährige Diakon bereits eine Ahnung, worüber jemand gern reden würde. Am IDR in Affoltern sitzen Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Berufe – darunter Pflegefachpersonen, Ärztinnen, Physiotherapeuten, Ernährungs- und Sozialberaterinnen. Sie sprechen über alle Patientinnen und Patienten, die sich gerade in der «Villa» befinden. Für Volker Schmitt sind diese Informationen wichtig, damit er eine Ahnung hat, wie es den Leuten geht.

Gebet und Sterbesegen

Nun klopft er an die Tür des Zimmers, wo der sterbende Mann regungslos und mit geschlossenen Augen im Bett liegt. Die Frau und die Tochter stehen schweigend daneben. Der Seelsorger begrüsst sie und den Patienten, dann liest er ein Gebet. Bei seinen Worten bewegt der im Bett liegende Mann seine Hände unter der Decke. Langsam nimmt er sie unter der Bettdecke hervor und faltet sie, um zu beten. Es ist ein Moment, der unter die Haut geht.

«Das war auch für mich sehr eindrücklich», sagt Volker Schmitt danach. «Für mich war es ein Zeichen, dass auch der Patient mit dem Ritual einverstanden war.» Nachdem der Seelsorger das Gebet gesprochen hat, singt er ein Lied, dann segnen die Frau, die Tochter und Volker Schmitt den Sterbenden mit dem Weihwasser.

Volker Schmitt ist im Saarland in Deutschland aufgewachsen. Er hat Theologie studiert und verschiedene Aus- und Weiterbildungen in Palliativseelsorge und Trauerbegleitung absolviert. Schmitt gehört zum Team der «Palliativseelsorge. Begleitung daheim». Die katholischen und reformierten Seelsorgerinnen und Seelsorger bieten unheilbar kranken Menschen und auch ihren Angehörigen ihre Betreuung an.

Begleitung im Leben

«Seelsorge wird oft mit dem Sterbeprozess verbunden. Viele Leute denken, dass wir ganz zum Schluss kommen, wenn es gar keine andere Hoffnung mehr gibt», hält Volker Schmitt im Interview fest. «Das sind Bilder, die nicht der Realität entsprechen, aber sie sind einfach da.» Die «letzte Ölung» etwa, von der viele Leute sprechen würden, gebe es in dieser Form gar nicht mehr. Heute sei dies eine Krankensalbung, die für alle kranken Menschen gedacht sei.

Volker Schmitt sieht sich vor allem als Lebensbegleiter. Auch er habe nicht auf alles eine Antwort, betont er. Und auch er habe manchmal Mühe, Schicksale zu sehen und zu verstehen. «Aus meinem christlichen Glauben heraus glaube ich an einen barmherzigen Gott und daran, dass alles einen grösseren Sinn ergibt.»

Wut auf «den da oben»

Manchmal ist er als Seelsorger auch mit der Wut kranker Menschen oder Angehöriger konfrontiert. Am Tag nach seiner Anwesenheit in der «Villa» etwa besucht Volker Schmitt eine ältere Frau, die aufgrund ihrer Krankheit an Atemnot leidet und Sauerstoff braucht. Kaum hat sich Schmitt vorgestellt, lässt sie Dampf ab. Sie verstehe nicht, wie «der da oben» das zulassen könne, sagt sie. «Ich habe das doch nicht verdient.»

Volker Schmitt nimmt die Wut entgegen. Er versteht, was sie meint. Ihre Fragen kann er nicht beantworten. Bald verläuft das Gespräch ruhiger, die beiden kommen auf den Alltag der Patientin zu sprechen. Als er am Ende fragt, ob er wiederkommen solle, bejaht sie. Sie vereinbaren, dass er sich in zwei Wochen wieder meldet.

Auch bei seinem zweiten Besuch an diesem Nachmittag dreht sich die Unterhaltung nicht um Gott, sondern diesmal um eine Katze, die von der Besitzerin kürzlich eingeschläfert werden musste. Die Frau, die Schmitt gegenübersitzt, ist spirituell sehr interessiert – aber nicht an Religion und nicht am christlichen Glauben. Sie sagt aber, das Reden mit einem Seelsorger tue ihr gut. Sie fügt an: «Zuerst fragte ich mich, wie ein Seelsorger mit mir umgeht. Ich habe eigene Vorstellungen von Energien, bin hellhörig und hellsichtig.» Sie habe gedacht, für Schmitt könnte das problematisch sein. «Aber es ist Gott sei Dank überhaupt nicht so.»

Volker Schmitt im Gespräch: Es geht bei weitem nicht nur um Religion.

Volker Schmitt im Gespräch: Es geht bei weitem nicht nur um Religion.

Eine Kerze anzünden

Seinen Schwerpunkt in der Palliativseelsorge hat Volker Schmitt bewusst gewählt. Er hält fest: «Ich mag die Begegnungen mit den Menschen, und darum biete ich mich als Gesprächspartner an.» Das gelinge mal mehr und mal weniger gut, sagt er ehrlich. «Es gibt auch Tage, an denen ich weniger kommunikativ bin. Dann erledige ich Büroarbeiten.» Schmitt ist zu 50 Prozent im Limmattalspital angestellt, 20 Prozent im Spital Affoltern und 20 Prozent in der ambulanten Seelsorge. Im Limmattalspital hält er sonntags auch Gottesdienste in der Spitalkapelle.

Hierhin, in die Spitalkapelle, zieht er sich auch zurück, wenn er eine besonders schwere Begegnung hatte. «Ich zünde dann gerne eine Kerze an.» Um sich professionell abzugrenzen, hilft ihm auch der Austausch mit Kolleginnen, Kollegen und mit seiner Frau, die ebenfalls Seelsorgerin ist. Auch lautes Musikhören im Auto – er mag besonders Peter Gabriel – ist eine seiner Strategien, um in seine eigene, private Welt zurückzukehren.

 

Seelsorgerische Betreuung zu Hause: Palliativseelsorge. Begleitung daheim.
Im ökumenischen Team arbeiten zwölf Mitarbeitende, davon sind fünf katholische und sieben reformierte Seelsorgerinnen und Seelsorger im Kanton Zürich. Finanziert wird das Angebot durch die beiden Landeskirchen.

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