… und dann auch noch Covid-19

08.06.20 | Sabine Arnold

Palliativpatienten mit viel Lebensqualität

Marianne Haas kämpft seit Jahren gegen ihren Krebs. Dass sie noch lebt, kommt einem Wunder gleich. Nun wurde ihr Mann auch noch mit dem Coronavirus angesteckt.

Die Ärzte sagten Marianne Haas‘ Tod schon mehrmals voraus.

Unzählige Chemotherapien während fast zehn Jahren machten ihr Blut im wahrsten Sinn des Wortes toxisch. Er müsse sich jetzt von seiner Frau verabschieden, sagte ihm die Onkologin bereits Anfang Jahr im Akutspital, erzählt Robert Haas. Wir sitzen im Wintergarten hinter dem Einfamilienhaus in Stallikon.

Danach verbrachte seine Frau mehrere Wochen in der «Villa Sonnenberg», der Palliativstation des Spitals in Affoltern am Albis. Nach dem Wechsel der Schmerzmedikamente ging es ihr plötzlich besser. Sie rief ihren Mann täglich um 8.30 Uhr an und sagte, sie wolle nun nach Hause. Das Behandlungsteam stellte die Medikamente auf ein Schmerzpflaster um, setzte für den Austritt nach Hause einen Notfallplan auf, involvierte Palliaviva. Robert Haas besorgte ein Pflegebett, einen Nachtstuhl, eine ganze Einkaufstasche voller Medikamente und Material.

Am 12. März 2020 kam Marianne Haas nach Hause, eigentlich dachte man erneut: um zu sterben. Die lokale Spitex kam zu Beginn drei Mal pro Tag zu ihr. Täglich ging es der Patientin besser. Mit der Zeit schauten die Pflegefachpersonen der Spitex noch zwei Mal pro Woche vorbei.

Meine Frau ist eine Kämpfernatur.»
Robert Haas, Ehemann

Nun, da sie an guten Tagen wieder Treppen steigen kann, übernimmt ihr Mann das Duschen. Was ist der Grund für die überraschende Verbesserung ihres Allgemeinzustands? Sie zuckt mit den Schultern. Sie habe schon auf der Akutstation gesagt, es sei noch zu früh für sie, ohne zu wissen, ob sie gehört werde. Er sagt: «Meine Frau ist eine Kämpfernatur.»

Sie sind ein eingespieltes Team. Er gross und kräftig. Sie zart und mit leichtem Haarflaum auf dem Kopf. Zu schaffen macht ihr die Fatigue, eine abgrundtiefe Müdigkeit, die mit ihrer Grunderkrankung, einem Eierstockkrebs, einhergeht. Wohin dieser Krebs überall gestreut hat? Sie will es gar nicht so genau wissen, sagt sie. Die ehemalige Handarbeitslehrerin leidet neben der Müdigkeit vor allem unter dem Zittern ihrer Hände und einer Neuropathie, die ihr das Stricken verunmöglichen; alles Nebenwirkungen der Chemotherapie.

Er unterstützt sie nach Leibeskräften und als gelernter Maschinenmechaniker mit seinen Tüftlerideen. Dem Nachtstuhl hat er Räder verpasst, damit dieser übers WC geschoben und die eingebaute WC-Dusche benutzt werden kann. Er hat auch einen leichteren Rollstuhl besorgt, mit dem sie manchmal gemeinsam einkaufen gehen. Für Restaurantbesuche reicht der Rollator.

Angst, dass ich daran sterben könnte, hatte ich nicht. Es war mir zum Glück nicht so bewusst, dass ich zur Risikogruppe gehöre.»
Marianne Haas, Palliaviva-Patientin

Nun hätte das Schicksal ihnen beinahe noch übler mitgespielt: Gegen Ende März wurde Robert Haas eine Infektion mit Covid-19 diagnostiziert. Er hatte seinen Arzt angerufen, weil er plötzlich unter Fieber und Husten litt. Ein im Spital durchgeführter Test fiel dann positiv aus. «Mein erster Gedanke war: Was ist mit meiner Frau, wenn ich ins Spital muss?» Beide bewahrten aber ruhig Blut. Seine Krankheit verlief mild, nach ein paar Tagen war das Fieber wieder abgeklungen. Sie litt kurz ebenfalls unter Fieber, hatte aber keinen Husten. «Angst, dass ich daran sterben könnte, hatte ich nicht», sagt sie rückblickend. «Es war mir zum Glück auch nicht so bewusst, dass ich zur Risikogruppe gehöre.»

Beide verbachten zwölf Tage in Quarantäne. Er ging lediglich manchmal ums Haus, um im Garten nach dem Rechten zu sehen. Verschiedene Nachbarn boten an, für sie einkaufen zu gehen. «Sie waren hilfsbereit, blieben aber auf Distanz», beschreibt er die Reaktionen. Die Spitex sei «auf ihrer Corona-Tour in Vollmontur» vorbeigekommen, erzählen sie. Nicht beängstigend sei das gewesen, sondern irgendwie lustig. Schutzkleidung, -brille, Maske, der Abstand – das Ehepaar Haas hatte keine Mühe mit diesen Massnahmen, sondern akzeptierte sie als notwendiges Übel.

Selbst hatten sie sich auch Anti-Corona-Massnahmen auferlegt, weil bis heute nicht klar ist, ob Marianne Haas den Virus ebenfalls gehabt hatte: Der Gute-Nacht-Kuss wurde gestrichen. Er lacht und sagt: «Inzwischen haben wir wieder damit begonnen.»

Von Murmansk bis Montenegro

Nun ist der ganze Spuk für sie auch schon wieder vorbei. Er ist kerngesund und daran, das Wohnmobil flott zu machen. Sie strahlt. Mit dem fahrbaren Heim bereisten Marianne und Robert Haas seit 2018 ganz Europa, und zwar neben, Elba, Korsika und Südfrankreich auch exotischer anmutende Destinationen wie Murmansk, Kiew oder Montenegro.

Inzwischen sitzen sie in ihrem Luxus-Mobil. Er zieht Schubladen auf, zeigt Kühlschrank, Dusche, Fernseher, Batterien und Stauraum. Er hat das individuell für sie gefertigte Fahrzeug selbst ausgebaut, mit allem, was man unterwegs brauchen könnte. Die geschmackvollen und praktischen Sitzkissen sowie die aufeinander abgestimmten Deko-Elemente in Rot weisen auf ihr Können hin.

Am Montag geht’s wieder los, kaum sind die Campingplätze wieder offen: Dieses Mal liegt das Ziel nicht ganz so fern, sondern nur in Tenero am Lago di Maggiore. In einem Grotto dort esse man den besten Risotto der Welt, findet er. Sie möge lieber Pizza, sagt sie und grinst.

Die beiden rechnen übrigens nicht damit, dass das ihre letzte Reise sein wird. Wenn es im Tessin gut gehe, würde sie weitere kleine Reisen, auch ins benachbarte Ausland unternehmen. «Einfach ohne Fähre und dass wir in zehn bis zwölf Stunden zu Hause sein können.»

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