Wie das Palliaviva-Team Abschied nimmt
18.01.26
Jedes Jahr sterben mehrere hundert Menschen, die das Palliaviva-Team über kürzere oder längere Zeit mitbetreut hat. Jeder dieser Menschen hinterlässt seine Spuren. Regelmässige Trauerrituale helfen beim Abschiednehmen.
Schritte im Laub und im Kies, leise Stimmen und ein Feuer, das knistert. Jeweils im Januar treffen sich die Palliaviva-Mitarbeitenden an einem Freitagabend im Wald oberhalb des Quartiers Zürich-Schwamendingen. Hier, an einer Feuerstelle mit Blick auf die Lichter der Stadt, findet im Dunkeln der Abschluss des Trauerrituals statt.
Das Ritual im Januar ist eines von insgesamt vier Trauerritualen, die bei Palliaviva fest zum Jahresablauf gehören, und es ist das grösste. Der Anlass beginnt um 17 Uhr, wenn es draussen langsam eindunkelt, im nahen Kirchgemeindehaus, wo sich das Team zu einem Tee und Knabberzeug trifft.
Organisiert wird das Treffen von der Palliaviva-internen Fachgruppe «Trauer und Rituale», die von den Pflegefachfrauen Nora Oswald, Corinne Irniger und Andrea Baschnagel gebildet wird. Nach einer kurzen Begrüssung und dem Vorlesen eines Gedichtes verteilen sie Blätter, auf denen die Namen aller Menschen stehen, die im zurückliegenden Jahr verstorben sind und von Palliaviva begleitet wurden.
Meditative Ruhe
Das Team sitzt nun in einer Runde und liest einen Namen nach dem anderen vor, was den verstorbenen Menschen für einen kurzen Moment in Erinnerung ruft. Es entsteht eine besondere Ruhe und eine fast meditative Stimmung. Mehr als eine Stunde dauert das Vorlesen der Namen jedes Jahr, denn es sind viele Menschen, die Palliaviva in der letzten Lebensphase begleitet hat; zusammen mit Angehörigen und Ärztinnen, Ärzten und häufig auch mit lokalen Spitex-Mitarbeitenden.
Im Anschluss daran spaziert das Team in den Wald, entzündet ein Feuer und verbrennt farbige Papierzettel, auf denen jeweils einer der Namen steht. Währenddessen unterhält man sich, dann ist es wieder still, und es wird auch gelacht. Bei einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant klingt das Ritual langsam aus.
Warum ist das Trauerritual wichtig? Nora Oswald vom Palliaviva-Team nennt folgende Punkte:
- «Mit dem Trauerritual geben wir den Abschieden bewusst einen Raum. Ich finde es schön, dass auch dieser Aspekt unserer Arbeit einen wichtigen Platz bekommt und wir uns Zeit dafür nehmen.»
- «Überall sonst in der Pflege wird gespart. – Palliaviva schenkt uns Zeit, die Trauerrituale in der Fachgruppe vorzubereiten, als Team teilzunehmen und lädt uns anschliessend zum Essen ein. Das ist keine Selbstverständlichkeit.»
- «Für mich sind die Rituale wichtige Momente im Team, in denen ich Gemeinschaft, Wärme und Sicherheit spüre.»
- «In unserem Arbeitsalltag ist, da es immer wieder Notfälle gibt, vieles nicht vorhersehbar. Aber auf diese Rituale kann man sich verlassen.»
- «Trauerrituale sind für mich Zeichen des Respektes gegenüber den Verstorbenen und den Angehörigen.»
Corinne Irniger, die wie Nora Oswald in der Fachgruppe Rituale mitarbeitet, streicht folgende Aspekte heraus:
- «Die Trauerrituale sind für mich ein würdiger Rahmen, um die Verstorbenen zu verabschieden. Die Rituale tragen dazu bei, dass ich mich bei meiner Arbeit gut fühle, sie geben Ruhe und erweisen den verstorbenen Menschen über den Tod hinaus Ehre.»
- «Während des Rituals wird mir bewusst, von wie vielen Menschen wir im Laufe des Jahres Abschied nehmen mussten und wie wichtig unsere Arbeit dabei ist.»
- «Durch die Rituale fühle ich mich im Team getragen und gehalten. Ich realisiere, dass ich mit den Geschichten, die ich erlebe, nicht allein bin.»
- «Das gemeinsame Abendessen nach dem Ritual gibt dem Ganzen einen würdevollen Rahmen, löst gleichzeitig die Strenge des Rituals auf und erleichtert den Übergang zurück in den Alltag.»
- «Palliaviva gibt uns als Fachgruppe Zeit, die Rituale zu gestalten. Wir diskutieren in der Fachgruppe regelmässig über die Form der Trauerrituale.»
Neben dem Trauerritual im Januar gibt es drei kleinere Anlässe. Diese finden alle vier Monate statt, jeweils im Rahmen einer Teamsitzung. Dabei verteilt die Fachgruppe Papiere, auf die die Namen der Verstorbenen in den zurückliegenden drei Monaten aufgedruckt sind. Alle Teammitglieder, die mögen, melden sich zu Wort, um Anekdoten, Geschichten und Erinnerungen an einzelne Patientinnen und Patienten zu teilen.
Das sagt die Psychotherapeutin
Sabin Bührer ist Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis in Zürich-Wiedikon. Sie hat viele Jahre als Psychotherapeutin in der Palliative Care gearbeitet und sagt, es sei nicht selbstverständlich, dass eine Organisation der Trauer und den Abschieden in Form von Ritualen einen Raum gebe. «Ob dies stattfindet, hängt von der Haltung der Vorgesetzten ab.»
Aus ihrer Sicht sind diese Aspekte wichtig:
- «Rituale sind kulturübergreifend. Sie vermitteln Orientierung und Sicherheit.»
- «Trauerrituale ermöglichen es dem Team, belastende Themen offen auszusprechen. Sie fördern die Verarbeitung, indem das Erlebte gemeinsam reflektiert werden kann.»
- «Symbolische Handlungen schaffen eine hilfreiche Distanz, die es ermöglicht, die Arbeit wieder mit voller Energie anzugehen.»
- «In meinen Augen braucht es keine externe Person, die ein Trauerritual anleitet. Vielmehr ist es entscheidend, dass das Team sich über die Gestaltung des Rituals austauscht.
- «Die Teilnahme an einem Trauerritual sollte für die Teammitglieder keine Pflicht sein. Jede und jeder hat seine eigene Weise, zu trauern und Erlebnisse zu verabeiten.»
Der Mensch im Mittelpunkt
Ilona Schmidt, die Geschäftsleiterin von Palliaviva, hält in diesem Sinne fest: «Neben den persönlichen Ritualen, die fast alle von uns haben, ist ein institutionelles Abschiedsritual wichtig für die gemeinsame Zusammenarbeit. Innehalten und das Gedenken an Menschen und Erlebnisse fördert die Psychohygiene und entspricht der Kultur von Palliaviva, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.»