«Stets hatte unser Muetti die Kontrolle, trotzdem dauerte das Sterben länger, als sie dachte»

31.03.20 | Sabine Arnold

Töchter mit verstorbener Mutter

Mina Maags Töchter begleiteten den Sterbeprozess ihrer 103 Jahre alten Mutter eng. Zu dritt wechselten sie sich in der Pflege und Betreuung ab, unterstützt von Hausarzt und Palliaviva.

Am Tag des Interview starb Mina Mag. Dabei wollte sie sich extra noch frisieren lassen. Die dreifache Mutter, «selbstbewusste Powerfrau» (laut Aussage der Töchter) und «Säule der Gemeinde» (laut dem Pfarrer) schlief im Alter von 103 Jahren in ihrem Zuhause ein.

Ihre drei Töchter betreuten sie in den letzten Wochen eng (v. l.): Margrit Bohart (78), Ruth Sauter (77) und Erica Gerster (75). Letztere wohnte oberhalb der Mutter, Ruth im Thurgau. Margrit reiste eigens aus Kanada an.

Zwei Wochen nach dem Tod sitzen alle drei an Erica Gersters Esstisch im eleganten Terrassenhaus am Hang des Stadler Bergs. Margrit holt ihren Laptop und zeigt Bilder der Verstorbenen in Dauerschleife: Mina Maag im Garten – ein Blütentraum. Mina Maag in Festtagsgarderobe mit ihren Töchtern. Mina Maag, dem Fotografen mit einem Rotweinglas zuprostend, an ihrem 100. Geburtstag.

Aber es Puurebüebli wollte sie nicht.» Erica Gerster, Tochter von Mina Maag

Mina Maags Vater betrieb eine Schreinerei und Sägerei mit einem Landwirtschaftsbetrieb. Bereits als Kind unterstützte sie die Eltern beim Arbeiten. Als gut aussehende junge Frau hatte sie viele Verehrer im Dorf, erzählt Erica lachend. «Aber es Puurebüebli wollte sie nicht.» Schliesslich heiratete Mina einen Elektromechaniker, der ihr ein eigenes Haus versprach.

Ihr Mann übernahm eine elektromechanische Werkstatt im Thurgau, und Mina half tatkräftig mit. Sie erzählte stets stolz, in ihrem Leben mehr als 20‘000 Motoren gewickelt zu haben. Er sagte häufig, sie sei die beste Arbeiterin in der Werkstatt. Er verdanke ihr den ganzen Wohlstand, auch weil sie ihm beim Sparen half. Als Mutter sei sie trotzdem präsent und sehr liebevoll gewesen, sagen die drei Töchter

Das Ehepaar baute in Stadel, wo Mina aufgewachsen war, das Haus – ihren Lebenstraum – und zog 1985 darin ein. Erica, die jüngste Tochter bezog mit ihrem Mann den obersten Stock. 2004 starb Minas Mann und der Vater der drei Töchter. Damals dachten diese, ihre bereits 88-jährige Mutter verkrafte den Verlust nicht. Aber bald nahm sie seinen Platz am Tisch ein. «Sie meisterte die Situation gut», sagt Erica.

Mit 95 Jahren fiel sie einmal beim Rebenschneiden von der Leiter, daraufhin verbot ihr der Schwiegersohn, auf Leitern zu steigen.

Der grosse Garten rund ums Terrassenhaus sei immer der Stolz der Mutter gewesen, erzählt Ruth. Dank vieler Treppen im terrassenförmig angelegten Umschwung blieb die alte Dame fit. Krank oder im Spital sei sie eigentlich nie gewesen. Mit 95 Jahren fiel sie einmal beim Rebenschneiden von der Leiter, daraufhin verbot ihr der Schwiegersohn – Ericas Mann –, auf Leitern zu steigen.

Sein überraschender Tod war es denn auch, der Mina Maag zusetzte. Sie stürzte kurz darauf und litt danach unter grossen Schmerzen. Die Töchter dachten, die Mutter habe eine Grippe und einen «grausamen Husten» eingefangen. Daraus entwickelte sich eine Lungenentzündung, die sie im Spital behandeln lassen musste. Die Beerdigung ihres Schwiegersohns wollte sie trotzdem nicht verpassen. Im Rollstuhl hingebracht zu werden, kam für sie aber auch nicht in Frage. Erica erzählt: «Muetti erzählte von einem Bekannten, der an einer Beerdigung im Rollstuhl sass. Kurz darauf starb er selbst.» Die drei lachen. Ihre Mutter habe stets gewusst, was sie wollte.

Die Lungenentzündung hatte Mina Maag zugesetzt, Herz und Nieren versagten allmählich. Sie war nun auf Sauerstoff und Morphium angewiesen. Die drei Töchter nahmen die Mutter nach Hause, sie sollte gemäss ihrem Wunsch in ihrem Haus sterben können. Sie wollte auf lebensverlängernde Massnahmen verzichten. Wegen der Verabreichung des Morphiums holten die Töchter Palliaviva hinzu. Die Pflegenden setzten einen permanenten Katheter unter die Haut, damit die Patientin nicht jedes Mal gestochen werden musste. Ausserdem litt sie wegen der versagenden Niere unter starkem Juckreiz. Auch hier fand man eine Lösung. Die pflegenden Töchter waren froh, das Palliative-Care-Team rund um die Uhr erreichen zu können. Einmal rief Ruth mitten in der Nacht an und hielt der Mutter den Hörer hin, weil sie so «merkwürdig atmete».

Weshalb trägst du an meiner Beerdigung einen so bunten Rock?» Mina Maag kurz vor ihrem Tod zu ihrer Tochter Margrit

Zwar verzichtete die alte Dame nach dem Spital auf jegliches Essen, um den Sterbeprozess zu beschleunigen. «Unsere Mutter wollte immer die Kontrolle haben und ihren Kopf durchsetzen. Aber das Sterben konnte sie nicht kontrollieren», sagt Ruth. Es dauerte länger, als gedacht. Ohne Nahrung und in den letzten vier Tagen ohne Trinken lebte sie noch gut zehn Tage.

Margrit, die Tochter, die aus Kanada angereist war, schlief bei der Mutter im Zimmer und begleitete sie bis fast zuletzt mehrmals pro Nacht auf die Toilette.

Die Mutter träumte in dieser Zeit intensiv. Von Besuch eines Mannes, der einen weiten Weg auf sich genommen hatte, um um sie zu werben. «Das war die Liebesgeschichte, die sie mit unserem Vater erlebt hatte», sagt Ruth und lächelt. Ihre Tochter Margrit fragte sie einmal nach dem Erwachen: «Weshalb trägst du an meiner Beerdigung einen so bunten Rock?»

Muettis Sterben hat uns zusammengeschweisst. Ausserdem hatten wir reichlich Zeit, von ihr Abschied zu nehmen.» Erica Gerster

Die Töchter nahmen mehrmals Abschied. Einmal rief Ruth ihre Schwestern, die Mutter verteile Küsschen. Tatsächlich lag Mina Maag im Bett, schickt Luftküsse und sagte ihren Töchtern «danke, danke, danke». Diese versprachen ihr ewige Liebe und sassen an ihrem Bett, sangen gemeinsam, tranken Tee – und die Mutter starb doch nicht. «Ich nehme nochmals einen Anlauf», pflegte sie nach überstandener Krise zu sagen.

Nach dem ersten Todestraum konnten die Töchter mit der Mutter immerhin über ihre Beerdigung sprechen und sie fragen, welche Wünsche sie für nach ihrem Tod habe. Aufgebahrt werden wollte sie nicht. «Die Leute sollen mich vorher besuchen», habe sie gesagt. Das taten einige, aber mit der Zeit war sie dazu zu müde.

Einen Tag, nachdem ihr die Töchter doch noch ein Pflegebett besorgt hatten, schlief sie friedlich ein.

Die Schwestern sitzen also an Ericas Kaffeetisch, wenige Tage vor der Beerdigung der Mutter. Sie erlebten zusammen eine intensive Zeit. Die Stimmung ist gelöst, friedlich. Sie lachen viel, ab und zu putzt jemand eine Träne ab. Es sei nie zu Reibereien gekommen, erzählen sie, im Gegenteil, sagt Erica: «Muettis Sterben hat uns zusammengeschweisst. Ausserdem hatten wir reichlich Zeit, von ihr Abschied zu nehmen.»

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