Seelenpflege

16.07.20 | Sabine Arnold

COPD Patientin

Regula Frei Geiger hat zwar eine schwere Lungenkrankheit, es geht ihr aber besser als auch schon. Die alleinstehende 65-Jährige will jetzt für schlechtere Zeiten planen. Dabei unterstützt Palliaviva sie.

Regula Frei Geiger ist dankbar. «Es geht mir recht gut, ich bin auf dem aufsteigenden Ast», sagt sie und lächelt. Sie sitzt auf ihrem gemütlichen Sofa, an sie gekuschelt ein stattlicher Kater namens Sokrates. Frei Geiger serviert Cola mit viel Eis, so wie sie es selbst gerne mag. Sie ist eine gute Gastgeberin und Zuhörerin. Die Zeit mit ihr vergeht wie im Flug.

Über ein Schläuchlein in der Nase erhält die 65-Jährige zusätzlichen Sauerstoff wegen der schweren Lungenkrankheit COPD, die sie hat. Sie hält ein Zigarettenpäckchen in die Höhe und sagt: «Auch vom Rauchen.» Seit Anfang Jahr war ihre Lunge vier Mal entzündet. «Das ist schon ein bisschen viel.» Mehr sagt sie nicht. Jammern ist nicht ihr Ding.

Als noch zwei gebrochene Rückenwirbel dazukamen – vermutlich vom Husten – war Regula Frei Geiger froh, dass ihr die Spitex Birmensdorf vorschlug, Palliaviva hinzuzuholen. Pflegefachfrau Livia de Toffol brachte potente Schmerzmittel vorbei, verschrieben vom Hausarzt. Die Pflegenden von Palliaviva organisierten den Eintritt ins Limmattalspital und begrüssten, dass die Patientin danach drei Wochen nach Davos zur Kur fuhr.

Das Zuhause

Jetzt ist die 65-Jährige zurück in ihrer Wohnung im obersten Stock des Mehrfamilienhauses in Aesch bei Birmensdorf, wo sie mit ihren zwei Katzen lebt. Hier fühlt sie sich wohl. Ihre eigene Wohnung bietet ihr viel Lebensqualität und Selbstbestimmung. Sie liest viel, schaut fern, geht einkaufen und trifft sich mit ihrer besten Freundin. Mobilität verleiht ihr ein tragbares Sauerstoffgerät.

Ihre Eltern hätten das «Familienhaus» gebaut, «damit wir Jungen noch etwas davon haben». Immer noch wohnen ihr Bruder und andere Familienmitglieder darin. Regula Frei Geiger lebte mit ihrem Mann Andy, der acht Jahre jünger war als sie, im Dachstock. «Ich witzelte stets, dass er mich eines Tages werde pflegen müssen.» Doch es kam anders: Vor acht Jahren fand sie ihn eines Abends am Boden liegend vor. Er starb an einem multiplen Organversagen. «Das nagt immer noch an mir.» Grossformatige Fotografien in Sofanähe erinnern an ihn.

Die ehemalige kaufmännische Angestellte besucht deshalb regelmässig den von der WABE Limmattal organisierten Trauertreff. Die Teilnehmenden hätten ihn aber in «Lebenstreff» umbenannt. Ausserdem engagiert sie sich im Frauenverein und ist im Dorf vernetzt.

Die Menschen

Denn Lebensqualität bedeutet für Frei Geiger neben der gewohnten Umgebung auch, Menschen um sich zu haben. Das Besuchsverbot im Spital und die Distanzregel während der Coronakrise hätten ihr Mühe bereitet, gibt sie zu. Kürzlich habe ihr Neffe sie spontan umarmt. Von solchen Momenten zehre sie, sagt sie und streichelt Sokrates.

Das Problem an ihrer chronischen Krankheit sei vor allem, dass ihr Denken viel schneller sei als ihr Körper. In Gedanken ist sie immer ein paar Schritte voraus. «Ich muss lernen, mich langsamer zu bewegen.»

Die Krisen, in denen sie in Atemnot gerate, verbrauchten sehr viel Energie, sagt sie. Nun, da es ihr etwas besser geht, hätte sie Kraft, mit Palliaviva-Mitarbeiterin Livia de Toffol für schlechtere Zeiten zu planen. Ideal sei, wenn diese monatlich für die «Seelenpflege» vorbeikomme, wie Frei Geiger die Gespräche nennt.

Die Sicherheit

Die Spitex besucht sie einmal pro Woche für die Symptomkontrolle. Die beiden Organisationen stehen in engem Kontakt und tauschen miteinander und mit ihren Ärztinnen Informationen über ihren Zustand aus. Würde sich nachts ein Notfall ereignen, kann Frei Geiger die Pikett-Nummer von Palliaviva wählen. Sie fühlt sich deshalb in ihren eigenen vier Wänden sicher.

Eigentlich möchte Regula Frei Geiger auch zu Hause sterben. Es sei ihr aber bewusst, dass das für Alleinstehende schwierig sei. Vorstellen kann sie sich den Eintritt ins Altersheim in Birmensdorf darum ebenfalls, auch wenn sie hin- und hergerissen ist. Jedenfalls scheint ihr die Philosophie der Institution interessant, welche die Selbstbestimmung anerkennt, und sie lasse sich auch gerne bedienen. Ihr Leben dort würde sie sich, im Bett lesend und TV schauend, gemütlich vorstellen.

Das Ende

Zudem hat Frei Geiger einen Notfallplan. Sie hat ihren Grossvater, der im gleichen Haus wie sie als Kind lebte, in seiner Sterbephase vor Schmerzen schreien gehört. «Ich habe mir immer geschworen: So sterbe ich nicht.» Deshalb sei sie schon früh Exit-Mitglied geworden. Wie über alles, denkt sie aber auch über diesen Wunsch nach Sterbehilfe intensiv nach und relativiert ihn: «Vermeintlich will ich mein ganzes Leben kontrollieren, aber das ist kaum möglich.»

Regula Frei Geiger hat in ihrer Patientenverfügung jedenfalls vermerkt, dass nicht mehr beatmet und auf der Intensivstation behandelt werden will. Sie hänge nicht mehr allzu sehr am Leben, sagt sie ehrlich. «Und doch ist es mir noch nicht verleidet. Ich lebe immer wieder gerne.»

 

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