Palliaviva kommt ihren Patientinnen und Patienten näher

01.07.20 | Sabine Arnold

Palliaviva-Regionen

Seit fünf Jahren integriert sich Palliaviva Region für Region in die lokale Gesundheitsversorgung. Was heisst das genau? Wo liegt darin der Vorteil für Menschen, die an einer schweren Krankheit und komplexen Symptomen leiden?

Die meisten von uns wollen, auch wenn sie schwerkrank sind, so lange wie möglich zu Hause bleiben und dort sterben. Noch immer erhalten aber nicht alle Menschen spezialisierte Palliativpflege in ihrem Daheim, die diese nötig hätten. Das liegt heute im Kanton Zürich vor allem an der Bekanntheit des Angebots bei den zuweisenden Stellen sowie den betroffenen Personen und ihren Angehörigen. Denn eine flächendeckende Versorgung wäre an sich gewährleistet: Sechs mobile spezialisierte Palliative-Care-Teams decken mit ihrer Dienstleistung den ganzen Kanton ab.

Die Lösung dieses Problems liegt in der Nähe: Palliaviva geht näher hin zu den Patientinnen und Patienten, baut dezentral kleine Teams auf, und fügt sie ins regionale Versorgungsnetz ein. Das Ziel der gemeinnützigen Stiftung ist es, dadurch ihr Angebot bei den Spitex-Organisationen, den Hausärztinnen und -ärzten sowie den Betroffenen bekannter zu machen. Es soll niemand mehr, der ihre Unterstützung brauchen würde, durch die Maschen fallen.

1 von 1000

Wie viele Menschen brauchen überhaupt spezialisierte Palliative Care? Von 1000 Einwohnerinnen und Einwohner braucht laut international geltenden Richtlinien eine Person ambulante spezialisierte Palliative Care. Das Gebiet, das Palliaviva abdeckt, zählt 720‘000 Einwohnerinnen und Einwohner. Hier hätten also 720 Personen Bedarf. Vor dem Start der Regionalisierung betreute Palliaviva knapp 320 Patientinnen und Patienten, im letzten Jahr waren es bereits knapp 550. «Wir sind also auf gutem Weg», hält Ilona Schmidt, Geschäftsleiterin von Palliaviva, fest.

Es soll aber nicht nur die Versorgungslücke geschlossen, sondern auch das Angebot für die bereits bestehenden Patientinnen und Patienten verbessert werden. Die kleineren Teams garantieren Bezugspflege: Das heisst, dass Patientinnen und Patienten immer von den zwei bis drei gleichen Pflegenden besucht werden. Sie können so leichter Vertrauen zu ihnen aufbauen. Die Qualität der Betreuung wird insgesamt verbessert. Die Palliaviva-Mitarbeitenden unterstützen durch ihre Anwesenheit in den Spitex-Büros die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Diese können sie in der Behandlung von Palliativpatientinnen und -patienten unkompliziert um Rat fragen.

Wir wollen erreichen, dass Spitex-Organisationen, Hausärztinnen und -ärzte ein Verständnis dafür entwickeln, in welchen Fällen spezialisierte Palliative Care nötig ist.»
Ilona Schmidt, Geschäftsleiterin Palliaviva

Mit der Regionalisierung wolle Palliaviva vor allem die Grundversorgung in palliativmedizinischen Fragen stärken, sagt Schmidt. «Wir wollen erreichen, dass Spitex-Organisationen, Hausärztinnen und -ärzte ein Verständnis dafür entwickeln, in welchen Fällen spezialisierte Palliative Care nötig ist.» Grundsätzlich sollen mehr Zuweisungen durch die lokalen Spitex-Dienste erfolgen. Letztes Jahr wurden 14 Prozent der Palliaviva-Patientinnen und -Patienten von der Spitex angemeldet. Mittelfristig sollen es 20 Prozent sein.

Das erreicht Palliaviva zum Beispiel, indem ihre Mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen der Spitex schulen. In internen Kursen bildet zum Beispiel Palliaviva-Mitarbeiter Olaf Schulz die Kolleginnen und Kollegen der Spitex Knonaueramt, alles fallführende Pflegefachpersonen, zu den Themen vorausschauende Behandlungsplanung, Patientenwünsche und deren Erfassung weiter. Ausserdem führen er und Livia de Toffol, die ebenfalls fürs Knonaueramt zuständig ist, auch Fallbesprechungen oder kleinere Schulungen, zum Beispiel im Handling von speziellen Port-Systemen, durch.

Die Kolleginnen und Kollegen von der Spitex wissen, dass sie unkompliziert Rücksprache mit uns nehmen können, auch wenn wir in die Pflege eines Patienten noch gar nicht involviert sind.»
Olaf Schulz, Pflegefachmann bei Palliviva

2015 begann Olaf Schulz als erster Mitarbeiter im Knonaueramt die Regionalisierung für Palliaviva umzusetzen. Er bezog ein Büro im Obfeldner Spitex-Stützpunkt. Zu Beginn arbeitete er noch während zweier Tage ausschliesslich im Bezirk Affoltern. Heute sind er und Livia de Toffol an je vier Tagen in der Region auf Tour.

Laut Schulz ist es im Knonaueramt heute selbstverständlich, dass die Kolleginnen von der lokalen Spitex Palliaviva beiziehen, wenn etwa die Pflege komplexer wird. «Sie wissen, dass sie unkompliziert Rücksprache mit uns nehmen können, auch wenn wir in die Pflege eines Patienten noch gar nicht involviert sind.» Das Knowhow über Palliative Care sei in den Spitex-Teams gewachsen, auch dank des grösseren Vertrauens auf beiden Seiten. «Es hilft immer, wenn man das Gesicht zum Namen kennt.» Den Pflegenden sei viel klarer, in welchen Situationen Palliaviva zum Zug kommt, zum Beispiel bei komplexen Symptomen, grosser Symptomlast, aber auch wenn die Angehörigen an ihre Belastungsgrenze stossen, etwa in der Betreuung von Menschen mit Demenz.

Die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Palliaviva-Mitarbeitenden ist ganz wichtig für die Sicherheit und das Vertrauen unserer gemeinsamen Patientinnen und Patienten.»
Philippe Luchsinger, Hausarzt in Affoltern a. A.

Neben den Spitexorganisationen sind auch die Hausärztinnen und -ärzte wichtige Ansprechpartner in den Regionen. «Auch sie wissen inzwischen, wie sie uns einspannen, welche Arbeit wir ihnen abnehmen können», sagt Schulz. Auf der Gegenseite tönt es so: «Die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Palliaviva-Mitarbeitenden ist ganz wichtig für die Sicherheit und das Vertrauen unserer gemeinsamen Patientinnen und Patienten. Durch die lokale Nähe können wir die Betreuung optimal koordinieren.» Das sind die Worte von Philippe Luchsinger, der eine Hausarztpraxis in Affoltern a. A. führt und Präsident der mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz ist.

Palliaviva hat auch in den Regionen rund um den Zürichsee bereits Fuss gefasst, mit Stützpunkten in Thalwil und Männedorf. In der Region Dietikon/Dielsdorf ist das Projekt ebenfalls offiziell gestartet, und in Bülach hofft Palliaviva ebenfalls bald auf grünes Licht.

Mit der näheren Zusammenarbeit können wir unseren Kundinnen und Kunden ein noch besseres Angebot machen.»
Marianne Humbel, Geschäftsleitung Spitex rechtes Limmattal

Marianne Humbel leitet die Spitex rechtes Limmattal, mit der Palliaviva nun verstärkt zusammenarbeitet. Sie sagt: « Ich freue mich über diese Entwicklung. Mit der näheren Zusammenarbeit können wir unseren Kundinnen und Kunden ein noch besseres Angebot machen. Nicht zuletzt auch, weil im Limmattal im vergangenen Jahr die Nachtspitex als Pilotprojekt eingeführt wurde und dazu den gemeinsamen Patientinnen und -patienten die Pikettnummer von Palliaviva abgegeben wird, unter der Tag und Nacht eine spezialisiert Pflegefachperson erreichbar ist.» Ihre Mitarbeitenden schätzten den fachlichen Austausch mit den Kolleginnen von Palliaviva, der «auf Augenhöhe» stattfinde. «Wir können wirklich voneinander lernen.»

Auch Elsbeth Liechti, Geschäftsleiterin der RegioSpitex Limmattal, berichtet von zufriedenen Mitarbeitenden, welche die fachliche Unterstützung und den Kontakt zu den Palliaviva-Mitarbeitenden schätzten. «Durch die gute gegenseitige Absprache können wir eine Dienstleistung wie aus einer Hand anbieten.»

In der Aufbauphase in den Regionen, in der viel unverrechenbare Arbeit wie Vernetzung und Koordination anfällt sowie neue Büroinfrastruktur und ein Dienstfahrzeug nötig werden, wird Palliaviva auch von Förderstiftungen unterstützt. Zum Beispiel finanzierte die Stiftung Max und Sophielène Iten-Kohaut das Projekt im Bezirk Horgen mit einem grosszügigen Beitrag. Mit diesem Geld werden unter anderem auch Informationsveranstaltungen für die breite Bevölkerung organisiert oder Berichte in den regionalen Medien angestossen. Denn alle sollen wissen, dass spezialisierte Palliative Care kein Luxus ist, sondern allen zusteht, die sie nötig haben.

Dieser Text ist bereits im Jahresbericht 2019 von Palliaviva erschienen. Den ganzen Bericht lesen Sie hier.

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