Das «Erste-Hilfe-Set» von Palliaviva
16.06.26
Herr X* starb vor gut einem Jahr an den Folgen eines Prostatakarzinoms. Begleitet wurde er von seiner Frau und seiner Tochter – und von vielen nahen Menschen. Auch Palliaviva war involviert. Die Tochter und ihre Mutter erinnern sich.
Das Gespräch gibt es hier als Podcast zu hören.
Herr X war an einem Prostatakarzinom erkrankt; bei der Diagnose hatte er bereits Metastasen. Es hiess, er hätte noch zwei bis maximal vier Jahre zu leben. Danach tat er alles, um eine Verschlechterung so lange wie möglich hinauszuzögern. «Operation, Bestrahlungen, Chemotherapie, aber auch alternative Behandlungen und Misteln: Das volle Programm», sagt seine Frau. Die Tochter ergänzt: «Es gab immer wieder positive Nachrichten, doch wir wussten, dass der Tag kommt, an dem es nicht mehr gut sein wird.»
Fokus auf das Schöne
Herr und Frau X reagierten kreativ auf die Krebsdiagnose. Sie stellten ihr Leben weitgehend um. Herr X hörte auf zu arbeiten, sie zogen aufs Land, und zusammen unterstützten sie sich darin, möglichst zu sehen und aufzunehmen, was das Leben Gutes anbot. Frau X, heute 67-jährig, erinnert sich, dass diese Haltung eigentlich ohne viele Worte kam, auch ohne Hektik und ohne Hysterie. Oft hätten sie einfach vergessen, dass da diese Krankheit ist. «Ich glaube, den Fokus auf das Schöne und Gute zu legen, kann man üben. Es war schon früher unsere Haltung. Mit der Krankheit hat es sich verstärkt.»
Einfach war das nicht immer. «Es ging ihm, vor allem während all den Behandlungen, eine Zeitlang sehr schlecht. Es war oft hart», erzählt Frau X. Die beiden waren 36 Jahre zusammen. «Aber ab diesem Moment mit der Diagnose war immer die brennende Schrift an der Wand, die uns daran erinnerte, uns JETZT auf das zu konzentrieren, was gut ist. Auf das, was uns Freude macht. Und es war seltsam, mit der Krankheit kam eben auch viel Gutes.»
Frau X erwähnt die glücklichen Umstände, die es ihr und ihrem Mann ermöglichten, sich Zeit füreinander zu nehmen. Nach der Diagnose konnten sie in ein Haus an einem schönen Ort in der Nähe der Stadt ziehen, ein Glücksfall. In dieser Umgebung lebte Herr X seine Leidenschaften aus: Er spielte Klavier, kochte und kredenzte gute Weine für FreundInnen, er hütete Enkelkinder, engagierte sich in der kleinen Gemeinde, er bewegte sich mit Freude in der Natur, ging viel schwimmen und war auch Pilzsammler. Während der Chemotherapie lernte er alle Pilzarten und bestand dann die Prüfung zum Pilzkontrolleur.
Es wird ernst
Der Wendepunkt kam erst nach etwa neun Jahren, viele Jahre später als prognostiziert worden war. Die Tochter, heute 31 Jahre alt, wohnte schon lange nicht mehr zu Hause. Sie nahm aber am Leben der Eltern teil und pflegte eine enge Beziehung. Sie spürte die Veränderungen als Erste. Nach einer Coronainfektion des Vaters nahm sie eine deutliche Verschlechterung wahr. «Mein Vater war geschwächt. Auch nach den Behandlungen erholte er sich nicht. Ich spürte immer mehr, dass es nun anders und sehr ernst ist.» Aus der Distanz sah sie wohl klarer, hatte aber den Eindruck, dass die Situation von den Eltern nicht beim Namen genannt wurde. Sie sprach die beiden auf den «Elefanten im Raum» an.
Rückblickend sagt die Mutter, sie und ihr Mann hätten es tatsächlich nicht wirklich realisiert, wie schlecht es ihm ging. Sie hätten sich einfach weiter auf das Gute konzentriert. «Wir waren irgendwie in einem anderen Film als unsere Umgebung. Wir nahmen einfach jeden Tag und schauten nicht in die Zukunft. Wir waren uns das so gewöhnt. Wenn es ging, lachten wir und gingen in den Wald oder zu unseren Lieben. Das hatte uns in den vergangenen Jahren so viel geholfen. Wir redeten nicht über die Zukunft.» Irgendwann kam der Tag, an dem Herr X durch zunehmende körperliche Beschwerden gezwungen war, vorübergehend ins Spital einzutreten. Die Tochter versuchte, mit dem Vater über das Unausweichliche zu sprechen. «Er lenkte ab, wirkte manchmal wie abwesend. Vielleicht war dies sein Schutz, weil es ihn sonst schon lange verschluckt hätte», sagt sie heute.
Eine Art Abschiedsfest zu Hause
Für Frau X war dieser Spitalaufenthalt einschneidend. Sie erzählt, eines Tages habe die Pflegedienstleiterin sie zur Seite genommen und zu ihr gesagt: «Nehmen Sie Ihren Mann nach Hause. Jetzt. Und machen Sie das Haus auf.» Für diese feinsinnigen Worte sei sie der Frau heute noch unendlich dankbar. «Niemand sagte, dass er jetzt stirbt. Aber ich wusste, dass sie weiss, was sie sagt.»
Herr X verliess das Spital und verbrachte zehn Tage zu Hause im Kreis seiner Familie, von Freunden, Freundinnen, Nachbarinnen und Nachbarn. «Unsere Lieben kamen, wir wurden behütet und bekocht, lachten und erzählten uns viel», erinnert sich Frau X. «Mein Mann sass am Tisch oder lag auf dem Sofa und nahm Abschied, ohne den Abschied in den Mund zu nehmen. Er war oft heiter. Und die Menschen kamen, um sich von ihm zu verabschieden, ohne darüber zu sprechen. Aber alle hatten begriffen, worum es ging.» An einem Abend waren sie zum ersten Mal wieder für sich allein. Herr X war sehr müde und zog sich ins Schlafzimmer im oberen Stockwerk zurück.
Palliaviva als Unterstützung daheim
Die Adresse von Palliaviva hatte die Familie schon vorher im Spital erhalten. Der Kontakt war bereits aufgegleist, denn Palliaviva-Mitarbeiterin Karin Zimmermann hatte die Familie ein erstes Mal besucht, um sich gegenseitig kennenzulernen. Das war zwei oder drei Wochen, bevor Herr X starb.
Seine Frau erinnert sich, dass dieses sogenannte Erstgespräch im Beisein ihres Mannes stattfand. «Karin Zimmermann schilderte uns den ganzen Prozess und die Möglichkeiten, die uns allenfalls erwarten. Und sie sagte auch, was man dann machen könnte.» Die Familie erhielt eine Notfallbox mit Medikamenten und eine genaue Anleitung dazu. «Mit diesem Erste-Hilfe-Set fühlten wir uns sicher.»
Für die Tochter ist auch noch ein anderer Aspekt wichtig: Sie erzählt, vor dem Besuch von Palliaviva habe sie sich überfordert gefühlt. «Palliaviva gab uns Autonomie. Karin Zimmermann schaffte es, uns das Gefühl zu geben, gut selbst entscheiden zu können, was weiter geht.» Mit Palliaviva im Hintergrund sei Ruhe und Entspannung ins System gekommen, sind sich die beiden Frauen einig. Frau X hält fest, sie habe sich aufgehoben gefühlt. «Das Palliaviva-Team gab uns die Kraft, uns zuzutrauen, diesen Weg zu Hause gehen zu können.»
Nach zehn Tagen zu Hause schlief Herr X im Schlafzimmer im oberen Geschoss für immer ein. Nur die Nacht vor seinem Tod war für Momente unruhig, da Herr X plötzlich hohes Fieber bekam. Die zwei Frauen riefen auf der Palliaviva-Notfallnummer an. Eine Palliaviva-Mitarbeiterin kam vorbei und half beim Verabreichen der Medikamente. «Sie gab uns gute Ratschläge, und sie gab uns vor allem nochmal Sicherheit, denn wir waren in diesem Moment nervös. Dann ging sie wieder», erzählt Frau X. «Dass sie eine halbe Stunde bei uns war, war extrem hilfreich. Mehr brauchte es nicht. Nur so konnte mein Mann so ganz aufgehoben sterben. Und meine Tochter und ich konnten ihn in aller Ruhe bis an die Tür begleiten.»
Am nächsten Tag kamen erneut viele Menschen ins Haus. Zwei Tage lang waren die Räume offen, auch Kinder aus dem Dorf sassen um den runden Tisch in der Küche und besuchten flüsternd Herrn X im oberen Stock.
Heftige, wellenartige Trauer
Frau X beschreibt, sie habe nach dem Tod ihres Mannes mindestens ein halbes Jahr in einem Schwebezustand ohne Zeitgefühl verbracht, nicht in der Realität. «Ein bisschen wie unter sedierenden Medikamenten. Jetzt fühlt sich die Trauer zunehmend wie Koliken oder Geburtswehen an. Sie ist nicht mehr immer da, kommt aber unangekündigt und als fast nicht aushaltbarer Schmerz. Die Abstände zwischen den Wellen werden zum Glück grösser.»
Die Tochter ging zwei Wochen nach dem Tod ihres Vaters wieder zur Arbeit. Sie erzählt von der gefühlten Diskrepanz zwischen dem Alltag, in den sie sofort wieder eingebunden war, und der Trauer. Dass sie ihren Vater im Sterbeprozess begleitet habe, helfe ihr bei der Verarbeitung, fasst sie zusammen. Die Tatsache, dass er nicht mehr da ist, sei für sie dadurch etwas realer.
Frau X sagt: «Er fehlt. In jeder Sekunde. Aber die lieben Menschen, die uns umgeben, sind da. Und auch die Freude, dass wir uns hier im Leben haben, ist da.»
*Die Familie möchte anonym bleiben.

