«Mich beeindruckt, wie diese todkranken Menschen ihr Schicksal annehmen»

08.11.19 | Sabine Arnold

SRF-Journalistin Nadine Woodtli hat einen Film über unsere Arbeit gedreht. Er wird am Sonntagabend, 24. November 2019, ausgestrahlt.

Nadine Woodtli, was war deine Hauptmotivation, diesen Film zu drehen?

Ich beschäftigte mich mit Krebsmedikamenten und las, dass drei von vier jungen Krebsbetroffenen bis im letzten Lebensmonat mit aggressiven Medikamenten behandelt werden. Das kann zu einem sehr leidvollen Sterbevorgang führen. Eine andere Studie zeigt, dass Patienten, die statt einer kurativen Therapie auf eine palliative Behandlung setzten, länger leben, mehr Lebensqualität und weniger Depressionen haben. Zudem ist die Behandlung günstiger. Ich begann, mich über den Begriff Palliative Care zu informieren, und durfte einen Tag lang bei Palliaviva mitlaufen. Ich fand es so spannend und vielfältig, dass ich einen längeren Film darüber machen wollte.

Hat sich dein Wissen über Palliative Care bestätigt in diesen sechs Drehtagen, in denen du und Kameramann Adrian Baumann unsere Mitarbeiterin Livia De Toffol begleitet habt?

Was ich sah, machte extrem viel Sinn. Bei Livia De Toffol sitzt nicht nur pflegerisch jeder Handgriff, sie bringt auch grosse psychologische Fähigkeiten mit. Sie hat einen feinen Spürsinn für ihr Gegenüber und seine Bedürfnisse und kann dies behutsam in Worte fassen. Das ist mindestens so wichtig, wie das Messen des Blutdrucks oder der Sauerstoffsättigung.

Hat sich deine persönliche Einstellung zum Sterben und Tod verändert?

Ich habe gelernt, dass man vielleicht zu schnell sagt: «Ich möchte zu Hause sterben.» Ich erfuhr, wie viel dafür nötig ist, zum Beispiel Angehörige, die bereit sind, alles mitzutragen. Vielleicht ist man in einem Zustand, in dem man sich den Angehörigen nicht mehr zumuten will? Was ich sicher weiss: Wenn ich krank werden sollte, würde ich möglichst früh palliative Unterstützung holen. Die Zeit vor dem Sterben – ob durch Exit oder nicht – dünkt mich enorm wichtig. Die Palliative Care begleitet Patientinnen und Patienten nicht nur medizinisch und psychologisch, sondern erstellt vorsorglich auch Notfallpläne, hilft beim Ausfüllen der Patientenverfügung und vernetzt sich mit Ärzten und Spitex.

Konntest du Ängste ablegen?

Eigentlich habe ich immer noch Angst vor einem qualvollen Ende. Aber ich habe auch gesehen, dass eine gute palliative Versorgung Schmerzen lindern und Sicherheit geben kann. Livia sagt, sie habe weder das Sterben noch den Tod als derart abschreckend erlebt, dass sie davor Angst haben müsste. Das ist doch beruhigend.

Haben sich die Patientinnen und Patienten ohne weiteres vor dir und der Kamera geöffnet?

Es war nicht ganz einfach, Menschen zu finden, die bereit waren, sich in ihrer Krankheit filmen zu lassen. Aber all jenen Menschen, die einverstanden waren, kamen wir sehr schnell sehr nahe. Mich beeindruckte, wie diese todkranken Menschen ihr Schicksal annehmen konnten. Am meisten hat mir eine Frau Anfang Vierzig imponiert, die ein noch sehr kleines Kind hatte. Leider ging es ihr bereits zu schlecht, um im Film mitzuwirken, und sie starb relativ schnell. Obwohl diese Mutter wusste, dass sie die ersten Schritte, den ersten Kindergartentag, alles Weitere im Leben ihres Kindes verpassen wird, fiel kein einziges bitteres Wort. Sie haderte nicht, sondern war nur positiv. Sie sagte sogar, sie habe ein gutes Leben gehabt. Wäre ihr Kind nicht, wäre sie parat zum Sterben.

Wie geht es den Protagonistinnen und Protagonisten unter den Patientinnen und Patienten, die in deinem Film vorkommen?

Der 71-jährige Jean Singgellos, der Lungenkrebs und Hirnmetastasen hat, glaubt, dass er noch 20 Jahre leben wird. Seine Immuntherapie scheint erfolgreich zu sein. Frau Lang lebt auch noch, ist aber langsam der Chemo müde, die ihren Krebs im Zaum hält. Sie ist so bescheiden, wenn sie sagt, eine gute Atmosphäre im Haus mit Mann und Kindern genüge ihr, um glücklich zu sein. An ihrem Beispiel zeigt sich, wie wichtig die Hausbesuche sind, die Palliaviva macht. Sie ist so entkräftet und liegt vor allem auf dem Sofa. Man kann ihr die Chemo-Infusion dort abhängen, sie muss dafür nirgendwo hinfahren. Das ist von unschätzbarem Wert.

Herr und Frau Kaufmann, die wir betreuen durften, sind leider beide gestorben. Was hast du mit ihnen erlebt?

Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen. Nach dem Tod ihres Mannes musste Livia Frau Kaufmann – ein bisschen gegen ihren eigenen Willen – eine wöchentliche Haushaltshilfe der Spitex aufzwingen. Die Patientin war der Meinung, es gehe noch allein, sie litt aber unter Atemknappheit und ihre Angehörigen waren ziemlich gefordert. Einmal haben wir sie beim Grab ihres Mannes gefilmt. Ich konnte dort mit ihr über ihren eigenen Tod sprechen. Sie sagte, sie wünsche sich eigentlich nur, dass jemand beim Sterben ihre Hand halte, aber das sei vielleicht schon vermessen. Wichtig sei ihr eigentlich nur, in einem hellen Zimmer zu sterben.

Weisst du, ob ihre Wünsche in Erfüllung gingen?

Ja, ihre Kinder hielten ihre Hand, als sie starb. Ich stehe noch mit der Tochter in Kontakt. Sie schrieb mir, vielleicht schaffe sie es nicht, den ganzen Film anzuschauen. Er wird ihr jedenfalls nochmals einen anderen Blick auf ihre Eltern präsentieren. Und mit der Zeit hilft er ihr vielleicht in ihrer Trauer, so meine Hoffnung.

Welcher Moment hat dich ausserdem berührt?

Ein sehr berührender Moment des Films ist, als wir zu den Hinterbliebenen von Armin Zeller gegangen sind. Die 18-jährige Tochter erzählt in der Szene, sie habe auf dem Handy ihres Vaters nach Sprachnachrichten gesucht, weil sie ihn so vermisse. Sie stiess auf eine Tonaufnahme, auf der er lacht. Das habe sie total zum Weinen gebracht. Livia hat auch diesen Moment gut aufgefangen und zusammengefasst: Sie sehe, dass sie traurig seien, sich aber auf einem guten Weg befänden.

Lief alles reibungslos oder musstet ihr technische Herausforderungen meistern?

Wir hatten eine lichtempfindliche Kamera dabei, die uns erlaubte, reportagenhaft zu drehen. Wir mussten keine künstlichen Lichtquellen setzen, sondern konnten Livia auf Schritt und Tritt begleiten. Ein bisschen schwieriger war, dass wir nur zwei Tonspuren hatten, in Gesprächen mit mehreren Personen mussten wir das Mikrofon umstecken. Einmal filmten wir in Livias Garten, der wunderschön ist, das Licht war perfekt – die Idylle wurde allerdings durch den Fluglärm gestört.

Wollen sich Herr und Frau Schweizer einen Dokfilm mit dem Titel «Tod – das letzte Tabu. Auf Einsatz mit der Palliativpflege» an einem Sonntagabend um 22.30 Uhr anschauen? Viele konfrontieren sich doch lieber nicht mit dem Thema.

Den späten Sendeplatz finde ich nicht ideal. Aber auf srf.ch/reporter kann man den Film nach der Ausstrahlung jederzeit nachschauen. Ich glaube, es ist uns eine würdevolle, berührende Reportage gelungen. Es wäre schön, wenn sie zum Nachdenken anregen würde, denn auch das Lebensende kann geplant werden, damit Ruhe und Frieden in den Prozess des Sterbens kommt.

Was ist die Hauptaussage deines Films?

Ich kann vielleicht Livias Schlusswort zitieren: Menschen sind Lebenskünstler, sie können sich immer wieder neuen Einschränkungen und Leiden anpassen und finden dennoch Glück. Das ist ein tröstlicher Gedanke.

Sonntag, 24.11.2019, 22:35–23:05 Uhr, SRF 1

Reporter: «Der Tod – das letzte Tabu – Auf Einsatz mit der Palliativpflege»

Eine Szene aus der besprochenen Sendung: Livia De Toffol sucht in ihrer Freizeit den Ausgleich zum belastenden Job beim Spazieren mit ihrem Hund (Bild: SRF).

 

Zur Person

Nadine Woodtli ist Redaktorin bei Fernsehen SRF. Sie arbeitet als Journalistin und Produzentin in der Redaktion des «Kassensturz». Besorgniserregende Entwicklungen im Gesundheitswesen und der Medizin sind ihre Spezialthemen. Die «Reporter»-Folge über Palliaviva ist ihr erster Dokumentarfilm.

 

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