«Ich interessiere mich mehr für die Person als die Krankheit»

05.03.20 | Sabine Arnold

Zusammenarbeit Palliative Care

Die spezialisierte Palliativpflegende Evi Ketterer (2. v. l.) fühlt sich mit den Kolleginnen der lokalen Spitex Zimmerberg sehr wohl.

Evi Ketterer ist engagierte Palliativ-Pflegefachfrau mit grossen Fachwissen. Gleichzeitig hat sie keine Angst davor, ihre Patientinnen und Patienten als Menschen mit ihren individuellen Lebensgeschichten nahe zu kommen. Manchmal vergisst sie die Diagnose sogar.

Evi Ketterer hat diesen Arbeitstag in Thalwil ruhig begonnen, im Büro. Sie telefonierte mit Patienten und Angehörigen, die statt wöchentlicher Besuche regelmässige Anrufe wollen. Sie versuchte Unterschriften zu organisieren, denn die Notfallpläne, die sie erstellt, müssen jeweils vom zuständigen Hausarzt unterzeichnet werden. Seit einem dreiviertel Jahr ist sie zusammen mit Nicole Rieser und Karin Zimmermann für den Bezirk Horgen zuständig.

Die Regionalisierung kommt der 53-Jährigen entgegen: Sie mag es, neue Menschen kennenzulernen und sie für sich und die Palliative Care zu gewinnen, Patienten gleichwohl wie die Kolleginnen von der Spitex. Schon als kleines Mädchen im «Schwabenland» – als Jüngste von sechs Kindern – klingelte sie gerne an fremden Türen und fragte die Nachbarn, wie es ihnen so geht.

Punkt 12 Uhr klingelt sie bei Frau T., einer ehemaligen Unternehmerin, die an einem Hirntumor erkrankt ist. Niemand öffnet. Aus der Ruhe bringen lässt Ketterer sich nicht. Eigentlich war ein Gespräch geplant, bei dem Frau T.s Tochter auch dabei sein wird. Es geht um die Frage, ob die Patientin in ein Alters- und Pflegezentrum eintritt. Ihre Tochter hat Kinder im Vorschulalter und ist alleinerziehend. Sie hat zwar angeboten, mit ihren Kindern zur Mutter zu ziehen, aber wirklich glücklich mit dieser Lösung ist niemand. Ketterer hofft, dass die Patientin sich zum Übertritt in ein Heim überwinden kann. «Denn noch kann sie selbst wählen.»

Ich bin begeistert von euch zwei. Ihr geht in dieselbe Richtung.» Evi Ketterer zu ihrer Patientin und deren Tochter

Gerade als die Pflegefachfrau umkehren will, kommen Patientin und Tochter ihr entgegen. Sie hätten eben die dritte von drei Langzeit-Institutionen in der Gemeinde besichtigt. Beide strahlen. Bereits im Lift erzählt Frau T., ihr habe überraschenderweise das unmodernste der drei Alterszentren gefallen. «Es ist ein Altbau, ein bisschen eine Bruchbude. Aber im Zimmer 222 sprang der Funke.»

In ihrer Wohnung mit Seesicht angekommen, serviert die Patientin Kaffee. Auf dem blank polierten Holztisch – einem Stilmöbel – steht ein Tulpenstrauss. Ketterer erörtert mit ihr und ihrer Tochter Vor- und Nachteile der besichtigten Institutionen. Dass ein Übertritt in eine solche sinnvoll ist, stellt niemand mehr in Frage. Das war beim letzten Besuch noch anders. «Natürlich wird es mir schwer fallen, meine Wohnung zu verlassen», sagt Frau T. und schaut sich um. Im Geist sei sie aber schon beim Einrichten von Zimmer 222. Evi Ketterer strahlt, als sie sagt: «Ich bin begeistert von euch zwei. Ihr geht in dieselbe Richtung.»

Als junge Pflegende war ich hauptsächlich an den Themen Sterben und Tod interessiert, vor allem weil auf Intensivstationen nicht immer würdig gestorben wird.»

Evi Ketterer lernte ursprünglich «Raumausstatterin», also Innendekorateurin. Ihr Religionslehrer an der Berufsschule meinte aber, ein sozialer Beruf würde besser zu ihr passen. Daraufhin liess sich Eva-Marie, wie ihr Taufname lautet, zur Pflegefachfrau ausbilden und spezialisierte sich in Intensiv- und Anästhesiepflege. Damals gab es noch keine Palliativstationen. «Trotzdem war ich hauptsächlich an den Themen Sterben und Tod interessiert, vor allem weil auf Intensivstationen nicht immer würdig gestorben wird.» Als 36-Jährige machte sie sich auf die Suche nach einer Lehrerin und fand diese in der bekannten Buddhistin, Bürgerrechtlerin und Sterbebegleiterin Joan Halifax. Evi Ketterer, selbst Zen-Buddhistin, engagierte sich drei Jahre in Halifax‘ Projekt «Being with Dying» in den USA und lebte sieben Jahre am Zen-Center in Los Angeles. Heute ist sie immer noch «ordinierte» Buddhistin. «Unter Nonne stellt man sich etwas Falsches vor», sagt sie. Ihre Weihe bedeutet für sie, ihr Leben auf «Ethik, Geistesruhe und Weisheit zu gründen».

Zurück in der Schweiz steckte die Palliative Care noch in den Kinderschuhen. Ketterer arbeitete in der Gründungsphase in der Palliativstation in Affoltern a. A., in der «Villa Sonnenberg», und half danach im Kanton Zug mit, einen mobilen Palliativdienst aufzubauen. Parallel absolvierte sie eine B2-Ausbildung in Palliative Care in St. Gallen.

Ketterers Ziel bei jedem Patientenbesuch ist die Zufriedenheit aller Beteiligten. Das heisst aber nicht, dass sie als Pflegefachfrau alle Wünsche und Ideen vorbehaltlos begrüsst. Denn es geht wie bei Frau T. auch um Fragen der Sicherheit: Noch ist die Hirntumor-Patientin zwar recht selbstständig, doch zeitlich und räumlich lässt ihre Orientierung nach. Für Ketterer steht deshalb im Vordergrund, dass die Familie eine Lösung findet, die sowohl für die Patientin als auch ihre Tochter stimmt.

Geplagt vom Blick in den Spiegel

Ketterer spricht mit der Patientin über Symptome und die Medikamente, die sie dagegen nimmt. Mittels geschickter Fragetechnik versucht sie herauszufinden, wie klar ihr Gegenüber noch denken kann. Zur Sprache kommt Frau T.s wegen des Cortisons aufgeschwemmte Gesichts- und Halspartie, unter der sie leidet. «Was können sie dagegen tun?», fragt Ketterer. Sie versuche, dies möglichst zu kaschieren, antwortet die Patientin, zum Beispiel mit Schals, und hoffe, dass es nach Absetzen des Medikaments besser werde. «Schauen Sie doch einfach nicht mehr in den Spiegel», rät Ketterer. Sie finde sich selbst nämlich auch zu dick, wenn sie zu häufig in den Spiegel schaue, erzählt sie entwaffnend ehrlich. Alle lachen.

Ketterer geht mit grosser Lust Beziehungen ein mit ihren Patientinnen und deren Familien. Sie hält nicht viel davon, sich abzugrenzen. Ihre Erklärung: «Abgrenzung braucht sehr viel Kraft. Wenn man weiss, wer man selbst und wer der Patient ist, kann man in die Beziehung hinein- und wieder hinausgehen.» Sie hat vor inzwischen vier Jahren das Buch «Geschichten intimer Beziehungen» veröffentlicht, in dem sie von der Begegnung mit sterbenden Menschen erzählt, die sie begleitet hat. Die gesammelten Geschichten gehen auch dank ihrer lebendigen Erzählweise unter die Haut.

Ketterers zentrales Anliegen ist, dass Patienten auch in der palliativen Begleitung die Menschen bleiben sollen, die sie waren, und ihre Individualität nicht verlieren. «Es geht mir um Lebensgeschichten und nicht um Tools oder Behandlungsmethoden.» Trotzdem sei ein profundes Fachwissen essenziell in ihrem Job, so Ketterer. Sie ist eine Fachfrau, die mit ihrer Expertise auch im Team nicht zurückhält. Ihr ist es ein Anliegen, die Pflegequalität des gesamten Palliaviva-Teams hochzuhalten.

Trauer ist ein noch grösseres Tabu als Sterben und Tod.»

Nach einem weiteren Patientenbesuch wartet noch etwas Schreibarbeit auf Ketterer im Thalwiler Büro. Dazu gehört auch das Verfassen von Trauerkarten an Angehörige, die eben einen nahen Menschen verloren haben. Eine Aufgabe, die sie gern übernimmt. Sie versuche im Schreiben etwas von der Lebensgeschichte des Verstorbenen einzubauen, Lob für die pflegenden Angehörigen und gute Wünsche für die Trauerzeit. Im Moment ist Trauer ohnehin ein Thema, das sie sehr stark interessiere. «Sie ist ein noch grösseres Tabu als Sterben und Tod.» Bereits verfasst hat sie ein «Trostbüchlein», das auf ihrer privaten Website herunterzuladen ist. Gut möglich, dass die umtriebige Palliativpflegende bald noch mehr zum Thema veröffentlicht.

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