«Ich habe von meiner Persönlichkeit her viel Energie»

08.04.22 | Sabine Arnold

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Livia De Toffol

Palliativpflegefachfrau Livia De Toffol liebt es, schwerkranke Menschen und ihre Familien ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten. Das gebe ihr so viel zurück, dass sich ihre Energiereserven wie von selbst füllten.

Wann hast du zum letzten Mal beim Arbeiten gedacht «Genau deshalb mache ich diesen Job»?

Ich denke das beinahe täglich, zumindest sehr oft. Vor allem in Situationen, in denen wir als spezialisiertes Palliative-Care-Team interprofessionell mit der lokalen Spitex, dem Hausarzt, der Seelsorge einem Patienten und seiner Familie Sicherheit und ein gutes Netzwerk bieten können. Dazu gehört auch, die Angehörigen so zu stärken und befähigen, dass sie sich die Betreuung zu Hause zutrauen. Wenn ich sehe, dass kleine und grosse Prozesse innerhalb der Familie geschehen, Situationen «rund» werden, wenn trotz grossem seelischem Schmerz und Trauer auch Vertrauen und Frieden, sowie Leichtigkeit einkehren können.

Gab es im Gegenteil eine Situation, die du schwierig fandest?

Ich finde relativ wenig schwierig, was mit den Patientinnen, Patienten und deren Angehörigen zu tun hat. Vor allem, wenn wir genug früh in die Prozessbegleitung involviert sind. Schwierig finde ich es, wenn innerhalb der Familie viele unterschiedliche Vorstellungen bestehen, keine Kommunikation möglich ist, konfliktreiche Beziehungen da sind. Schwierig finde ich auch, wenn keine Prozessbegleitung stattfinden darf, weil Unterstützung vehement abgelehnt wird. Oder auch, wenn körperliches und seelisches Leiden nicht genügend kontrolliert werden kann. Manchmal macht es mir Mühe, wenn der Fokus am Lebensende zu fest auf lebensverlängernde Therapien wie zum Beispiel Chemotherapie gesetzt wird, dadurch werden zum Teil falsche Hoffnungen geschürt, wichtige Gespräche unterlassen. Nebenwirkungen sowie viele mühselige Arzttermine schränken die Lebensqualität zusätzlich ein.

In schwierigen Situationen versuche ich die Hoffnung auf dem Moment zu beschränken und nicht aufs grosse Ganze zu beziehen.»

Aber Hoffnung ist doch eine wichtige Kraft.

Ja klar, ich mache den Patientinnen, Patienten und Angehörigen auch Hoffnung. In schwierigen Situationen versuche ich sie aber auf den Moment zu beschränken und nicht aufs grosse Ganze zu beziehen. Das kann ich entweder mit Worten oder mit meiner Haltung ausdrücken, zum Beispiel indem ich sage, dass der Schmerz abnehmen wird, wir miteinander Schritt für Schritt gehen, sie nicht alleine lassen.

Nimmst du schwere Erlebnisse mit nach Hause?

Mit der Erfahrung oder dem Ausgleich, den ich sonst habe, kann ich schwierige Situationen inzwischen noch bei der Arbeit verarbeiten. Ich schliesse die Haustür, steige ins Auto, gebe die Adresse des neuen Patienten im Navi ein, gestatte mir aber, gedanklich bei der letzten Patientin zu verweilen, das Erlebte auf mich wirken zu lassen. Ich kann gut in mich reinhören. Dann fahre ich Auto – was ich wirklich gerne mache –, höre Musik, lege eine tatsächliche Distanz zum Erlebten zurück.

Dann gehst du zum nächsten Patienten, erlebst neue Situationen, die ebenfalls belastend sein können. Was tust du, wenn du Feierabend hast?

Wenn ich nach Hause komme, tut mir frische Luft gut, Wald und Bewegung. Ich gehe also spazieren oder biken.

Wieso machst du diesen Job?

Weil er mich erfüllt. Ich kann viel geben an Fachkompetenz, Erfahrung, Sicherheit, Vertrauen, an Leichtigkeit und Gelassenheit. Dieses Feedback erhalte ich oft, dass ich offenbar mit meinem Besuch eine Situation leichter machen kann. Ich kann viel Lebensfreude weitergeben. Ich bin sehr dankbar für das Leben, anerkenne aber auch den Tod, der dazu gehört. Ich erhalte im Gegenzug viel zurück. Es ist spannend, einen Menschen und seine Angehörigen auf ihrem Weg zu begleiten. Es beeindruckt mich zu sehen, wie Menschen mit einer schweren Krankheit leben, wie sie den letzten Weg gestalten. Aber auch ihre ganze Lebensgeschichte, ihre Prägungen, das interessiert mich alles.

Wir besuchten meine Mutter häufig im Spital. Ich erinnere mich gerne daran, habe mich trotz allem wohlgefühlt, verknüpfe zum Beispiel den Geruch von Desinfektionsmittel mit Babys.»

Warum wurdest du Pflegefachfrau?

Meine Mutter war Kinderkrankenschwester. Für mich stand schon immer fest, dass ich das auch werde. Ich hatte drei jüngere Geschwister. Als meine Mutter 36 Jahre war, wurde sie schwer krank. Sie hatte Krebs, einen Keimzelltumor. Ich war damals zehn Jahre alt und meine jüngste Schwester drei. Wir besuchten unsere Mutter häufig im Spital, während eines ganzen Jahres. Sie hat überlebt. Ich erinnere mich gerne ans Spital, habe mich trotz allem wohlgefühlt, verknüpfe zum Beispiel den Geruch von Desinfektionsmittel mit Babys. Ich bin damals immer die Neugeborenen anschauen gegangen, die noch hinter einer Scheibe sichtbar waren. Die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester klappte nicht, so fragte ich mich, was ich wirklich will. Mich faszinierten der Körper, der Mensch und eben die Spitalwelt. Deshalb wurde ich dann Pflegefachfrau für Erwachsene.

Dein Mann, den du in der Ausbildung kennengelernt hast, ist in der Leitung einer lokalen Spitexorganisation tätig. Sprecht ihr zu Hause immer über die Arbeit?

Nein. Das haben wir eh selten gemacht. Früher war er im Limmattalspital und ich im Universitätsspital Zürich (USZ) tätig. Klar, wenn ich einmal etwas besprechen will, versteht er mich schnell, das ist nützlich. Gut ist auch, dass ich von ihm die Sichtweise der Spitex kenne, da wir häufig mit lokalen Spitexdiensten zusammenarbeiten. Wir sind jedoch extra nicht in der gleichen Region tätig.

Als eure Kinder noch klein waren, habt ihr euch die Betreuung in der Regel 50:50 aufgeteilt. Du hast daneben eine Waldspielgruppe geleitet, fremde Kinder über Mittag betreut, und später berufsbegleitend Weiterbildungen gemacht, zum Beispiel einen CAS in Psychoonkologie. Täuscht es, oder verfügst du tatsächlich über sehr, sehr viel Energie?

(Lacht.) Nein, das stimmt. Ich habe von meiner Persönlichkeit her schon sehr viel Energie und Lebensfreude. Ich habe viel Power.

Ich habe die Reissleine gezogen, und habe Palliaviva nach der Probezeit verlassen.»

Ist deine Batterie auch einmal leer?

Sie ist selten leer, weil ich gute Strategien habe, sie aufzuladen oder sie nicht ganz zu leeren. Wenn ich persönlich in einer Disbalance bin, leert sie sich aber natürlich schneller, das ist klar. Ich habe mich in all den Jahren gut kennengelernt, um mich nicht zu verausgaben.

Du bist wohl der einzige Mensch, der zwei Mal bei Palliaviva begonnen hat. Das erste Mal hast du uns nach der Probezeit wieder verlassen. Dann bist du wiedergekommen. Was war der Grund?

Dabei ging es genau um die angesprochene Balance. Beim ersten Mal habe ich nicht gewartet, bis die Zeit reif war für einen neuen Schritt, hatte am alten Ort noch eine Verpflichtung. Ich habe in beiden Jobs 40 Prozent gearbeitet. was ja dann immer ein bisschen mehr ist. Mit den Kindern war es auch grad streng. Mir gefiel die neue Arbeit bei Palliaviva zwar, ich war aber nicht im meiner Kraft. Deshalb habe ich die Reissleine gezogen und bin nach der Probezeit gegangen.

Das zeugt von Grösse.

Ja, das hat viel Mut gebraucht. Ich habe, als meine Verpflichtung vorbei war, noch anderes abgeklappert, schnupperte auch in der Kinderspitex. Ich wollte aber nicht noch einmal von Anfang an beginnen. Aus dem Onko-Ambulatorium und dem USZ brachte ich Erfahrung mit schwerkranken Menschen mit. Bei Palliaviva hat eigentlich alles gestimmt. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich deshalb nochmals beworben.

Gefreut hat mich, dass man im Film offenbar sieht, wie wichtig in der Palliative Care neben der Fachkompetenz die menschlichen Skills sind, das In-Kontakt-kommen und das In-Beziehung-sein.»

2019 warst du die Hauptfigur in einem Dokumentarfilm auf SRF über Palliaviva. Der Film ist immer noch online und abrufbar. Wie wirkt sich dieses Rampenlicht auf dein Leben aus?

Auch diese Teilnahme war mit Mut verbunden. Ich habe keine Berührungsängste, kann gut Kontakt mit Menschen aufnehmen, aber ich dränge mich nicht in den Mittelpunkt. Ich habe beim Filmdreh gelernt, mich gelassener zu exponieren. Die Reporterin und der Kameramann haben mich sechs Tage lang begleitet. Das Arbeiten unter Beobachtung war kein Problem, aber die Interviews waren streng. Aber es hat sich gelohnt: Die Resonanz danach war super. Ich hab sehr viel positives Feedback bekommen, privat und beruflich. Gefreut hat mich, dass man im Film offenbar sieht, wie wichtig in der Palliative Care neben der Fachkompetenz die menschlichen Skills sind, das In-Kontakt-kommen und das In-Beziehung-sein.

Die ambulante Palliative Care ist genau dein Ding, oder?

Ja, ich finde es toll, wie wir arbeiten können. Klar, die Anforderungen sind hoch, weil wir allein unterwegs sind und vieles selbstständig entscheiden müssen. Man muss schon sehr sicher auftreten. Aber sonst brauchen wir vor allem Zeit und Empathie. Ich muss dazu wenig Energie aufwenden. Kräftezehrend wäre es eher, wenn ich mir zu hohe Ziele stecken würde. In der Palliative Care findet man häufig keine fertigen Lösungen, sondern es geht darum, einen Weg mitzugehen und schwierige Situationen auszuhalten.

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