«Ich bin gerne Arzt für das Lebensende»

09.03.23

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Der Winterthurer Arzt Reto Pampaluchi kann sich auch durch persönliche Erfahrungen gut in Angehörige einfühlen.

Das Palliaviva-Team ist neu auch im Gebiet Winterthur-Andelfingen tätig. Welches sind die Besonderheiten der Region? Der Winterthurer Palliativmediziner Reto Pampaluchi gibt im Interview einen Einblick – auch in sein Leben.

Sie sind im Pensionsalter, aber immer noch als Arzt tätig. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Das kann ich nicht pauschal beantworten, denn jeder Tag ist anders. Seit Beginn der Pandemie bin ich teilpensioniert und nicht mehr wie früher in einer Gruppenpraxis in der Stadt Winterthur tätig. Sprechstunden als Hausarzt biete ich keine mehr an. Mein Schwerpunkt hat sich ganz in Richtung Palliativmedizin verlagert. Heute übernehme ich gezielt die Betreuung einzelner Patientinnen und Patienten, die am Lebensende stehen.

Wie erfolgen die Zuweisungen?

Manchmal durch Hausärztinnen oder Hausärzte, die keine Patientinnen und Patienten in diesen komplexen Situationen begleiten wollen oder können. Einige Patientinnen oder Patienten wurden seit dem letzten Herbst durch Palliaviva an mich überwiesen. Ich bin zudem in Pflegezentren tätig, die mich anfragen, weil sie mich als Hausarzt mit Schwerpunkt Palliativmedizin kennen. Manche Pflegeheime arbeiten mit dem Hausarzt-Modell, und es gibt Patientinnen und Patienten, die keine hausärztliche Betreuung haben oder vorher ausserhalb der Stadt wohnhaft waren.

Was sind Gründe dafür, dass Hausärztinnen oder Hausärzte keine palliativen Patientinnen und Patienten begleiten?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Als Arzt mit Palliativpatientinnen und -patienten sollte man auch nachts und am Wochenende erreichbar sein. Selten sind auch Hausbesuche notwendig. Zudem habe ich den Eindruck, dass die Probleme der Patientinnen und Patienten komplexer geworden sind. Das hat damit zu tun, dass die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten bietet. Patientinnen oder Patienten, die mit Venenkatheter, Drainagen, Luftröhrenkanülen, Schmerzpumpen und vielem anderen mehr versorgt sind, werden nach Hause oder in Hospizzimmer verlegt. Die Spitalaufenthalte werden kürzer. Damit entstehen im ambulanten Bereich und in Heimen anspruchsvollere Situationen. Diese zu bewältigen, braucht Zeit, Fachwissen und kompetente Fachleute.

Für viele Familien sind diese Fragen zu Leben und Tod überfordernd.»

Spüren Sie bei manchen Arztkolleginnen und Arztkollegen auch Berührungsängste?

Die gibt es, und es ist ja auch kein einfaches Gebiet. Man ist als Arzt nicht nur mit schwerkranken Betroffenen konfrontiert, sondern zusätzlich auch mit Angehörigen, die teils vor komplexen ethischen Entscheidungen stehen und sich auf einen Abschied vorbereiten müssen. Manchmal sind sich die Familien nicht einig. Verschiedene Wertungen sind vorhanden. Die Frage, ob lebensverlängernde Massnahmen sinnvoll sind, wird mitunter unterschiedlich beantwortet. Der Einbezug des Patienten oder der Patientin wird in der letzten Lebensphase immer schwieriger, da er oder sie schrittweise das Bewusstsein verliert. In diesen Situationen Entscheidungen zu treffen, die dem Bedürfnis und dem Wunsch der Patientinnen oder Patienten entsprechen, ist anspruchsvoll.

Wie können Sie Angehörige in diesen Situationen unterstützen?

Indem ich sie entlaste und ihnen verschiedene Alternativen aufzeige. Für viele Familien sind diese Fragen zu Leben und Tod überfordernd; dies nicht selten auch dann, wenn sie aus einem anderen Kulturkreis stammen. Die Region Winterthur-Andelfingen ist sehr divers: In der Stadt Winterthur ist der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund hoch. Die Region ist anders und ländlich geprägt. Für mich ist die Arbeit sehr abwechslungsreich und in jedem Fall wieder anders. Ich bin gerne Arzt für das Lebensende.

Wie kam es, dass Sie sich auf Palliativmedizin spezialisiert haben?

Ich habe lange in der Geriatrie gearbeitet und war viele Jahre ärztlicher Leiter des Krankenzentrums Oberwinterthur. Als Heimarzt bin ich der Altersmedizin, aber auch der Palliativmedizin nähergekommen: Im palliativen Bereich ist die Mehrheit der Patientinnen und Patienten über 70 Jahre alt. Als ich meine Hausarzttätigkeit in der Praxis aufgenommen habe, bin ich dabeigeblieben. Ich habe sehr viele Betroffene und Angehörige zu Hause besucht und zusammen mit den Spitex-Fachleuten medizinisch begleitet. Dies mitunter auch in meiner Funktion als Hintergrundarzt beim mobilen Palliative-Care-Team Winterthur, dem MPCT.

Palliaviva hat die Aufgaben des MPCT im Herbst 2022 übernommen. Was hat sich seither verändert?

Für mich persönlich nicht viel. Ich finde es wichtig, dass die Stadt Winterthur und die Region weiterhin von professioneller spezialisierter Palliative Care zu Hause profitieren können. Es braucht dieses Angebot unbedingt – in Zukunft wohl noch mehr als heute. Den Aufbau des MPCT habe ich von Anfang an unterstützt, ich war als Vorstandsmitglied im Verein «Palliative Care Winterthur Andelfingen» und als Hintergrundarzt stark involviert. In den letzten fünfzehn Jahren war ich in Zusammenarbeit mit dem MPCT oft auch bei Rundtisch-Gesprächen dabei.

Warum haben Sie sich für die mobile Palliative Care eingesetzt?

Tatsache ist, dass die meisten Leute dort sterben möchten, wo sie leben: zu Hause. Doch nur zwanzig Prozent schaffen das. Ich kann mich an den ersten Patienten erinnern, den das MPCT betreute. Das war ein Lungenkrebsbetroffener, der unglaublich froh war, dass er bis zuletzt daheim bleiben konnte. Ich weiss heute noch, wo er wohnte. Die wichtigste Aufgabe der spezialisierten Palliative Care zu Hause ist es, eine Betreuung zu gewährleisten, die im Notfall greift. Dramatische Situationen kann man nicht immer verhindern. Aber durch eine vorausschauende Planung und den Einbezug des Umfelds kann man sicherstellen, dass der Patient oder die Patientin nicht leiden muss.

Mit 65 Jahren hätten Sie sich einfach in den Ruhestand zurückziehen können. Weshalb taten Sie das nicht?

Weil ich meine Arbeit sehr gern mache. Ich konnte mir nicht vorstellen, meine Praxistätigkeit aufzugeben und gleichzeitig als Arzt einfach aufzuhören. Wenn man sich mit Menschen beschäftigt, die sich in der letzten Phase ihres Lebens befinden, gibt es unglaublich spannende Begegnungen. Manche Patientinnen und Patienten gehen ganz rational mit ihrem Schicksal um, andere sind sehr verzweifelt. Jede Situation ist anders.

Mein Stiefsohn starb vor zehn Jahren an Krebs. Die Diagnose war ein Schock.»

Was ist für Sie interessant an diesen Begegnungen?

Ich nehme mir gerne Zeit, mich mit verschiedenen persönlichen Lebensphilosophien auseinanderzusetzen. Viele Leute befassen sich nicht mit Fragen zu ihrer Endlichkeit, bis sie plötzlich damit konfrontiert sind. Andere denken früher darüber nach. Für mich als Palliativmediziner zählt, dass ich herausfinde, was jemand am Ende möchte und was nicht. Diesen Wünschen möchte ich gerecht werden.

Hat sich dadurch Ihr Umgang mit der eigenen Endlichkeit verändert?

Sehen Sie, mein Stiefsohn starb vor zehn Jahren an Krebs. Die Diagnose war ein Schock. Am Anfang denkt man, man schaffe es nicht. Und dann schafft man es trotzdem. Diese Erfahrung hat mich nicht grundsätzlich verändert, aber meine Empathie und mein Einfühlungsvermögen in die Patientinnen und Patienten und die nächsten Angehörigen deutlich verbessert.

Wie lange werden Sie noch als Arzt tätig sein?

Auf Zusehen hin bleibe ich dabei, auch weil ich überzeugt bin, dass es das Angebot dringend braucht. Das Netz zwischen mobiler Palliativpflege, Hausärztinnen, Hausärzten und anderen Zuweisern wie Spitälern müsste in meinen Augen künftig weiter verstärkt werden. Es macht mir Sorgen, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen keine Hausbesuche mehr machen. Die Begleitung von Menschen am Lebensende zu Hause wird dann erschwert bis verunmöglicht.

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