Heimweh nach ihr

08.12.20 | Sabine Arnold

pflegende Angehörige

Mirijam Heilmann pflegte ihre Frau Marie-Louise Pfister bis zu deren Tod. Drei Monate danach plagt sie ein starker Trennungsschmerz und die Tatsache, dass unsere Gesellschaft wenig Raum für Trauer lässt.

«Es ist nun drei Monate her, seit meine Frau gestorben ist. Ihr Tod war für sie eine Erleichterung, weil sie unter starken Schmerzen litt. Aber für mich wurde es danach schwerer. Jetzt bin ich ohne sie.

Ich habe noch keine Strategie, wie ich mein Leben ohne sie meistern soll. Es geht einfach weiter. Am Morgen wird es hell, am Abend dunkel. Trotzdem ist alles anders.

Tod und Trauer haben zu wenig Platz in unserer Gesellschaft. Ich merke, dass einige in meinem Umfeld, nicht mehr fragen, wie es mir geht, weil die Antwort immer dieselbe ist. Es ist vergleichbar mit einer Trennung: Die anderen wollen zum Alltag zurückkehren, aber für mich gibt es keinen Alltag mehr wie vorher. Ihre Abwesenheit ist immer präsent.

Kürzlich erhielt ich von einer Frau eine Mail, die Marie-Louise entfernt kannte und von ihrem Tod erfuhr. Sie spricht nicht perfekt Deutsch und schrieb, ich hätte sicher «Heimweh» nach meiner Frau. Dieses Gefühl beschreibt meinen Schmerz treffend. Im Herz zieht es. Ich kann mich gut an das Gefühl erinnern, denn ich war ein Heimwehkind.

In unserer Gesellschaft herrscht ein hohes Tempo. Als Mensch, der trauert, ist man aber in einer Langsamkeit drin.»

Ich arbeite als Psychologin mit beeinträchtigten Jugendlichen in einer Institution. Um abzulenken, hilft mir die Arbeit, es läuft ein anderer Film. Ich habe ausserdem eine Tagesstruktur und erhalte Bestätigung. Aber manchmal habe ich das Bedürfnis, den Film anzuhalten, Pause zu machen. Ich habe wenig Energie.

In unserer Gesellschaft herrscht ein hohes Tempo. Als Mensch, der trauert, ist man aber in einer Langsamkeit drin. Ich denke: Jetzt ist es erst drei Monate her, seit Marie-Louise gestorben ist. Ich muss noch so lange ohne sie weiterleben. Ich bin erst 48 Jahre alt.

In einer ersten Phase nach Marie-Louises Tod war die Krankheit sehr präsent. Der Krebs hat unser Leben lange beeinflusst, das schmerzt. Ich frage mich zudem häufig, ob ich in ihrer Betreuung und Pflege etwas hätte anders machen sollen. Es war ein grosser Wunsch von mir, dass sie zu Hause bleibt, hier stirbt. Sie hätte sich nicht gegen das Spital oder ein Hospiz gewehrt. Für mich war es aber wichtig, und ich bin froh, dass ich es geschafft habe.

Die zuständigen Pflegenden von Palliaviva waren wunderbar, die Chemie hat gestimmt.»

Zu Marianne Unger und Corinne Irniger von Palliaviva haben meine Frau und ich ganz schnell Vertrauen gefasst. Wir haben uns gegenseitig geschätzt, die Chemie hat gestimmt. Sie waren wunderbar. Das bedeutete auch, dass ich ehrlich sein und Schwäche zeigen durfte, wenn sie fragten, wie es mir gehe. Sie haben mich bestärkt in dem, was ich tat. Ich war zwar alleine mit meiner Frau, wusste jedoch, dass ich jederzeit anrufen konnte.

Ein Abschied im Spital wäre für mich schwierig gewesen, weil dort die Privatsphäre leidet. Marie-Louise verbrachte mehrmals mehrere Wochen im Krankenhaus. Dass ich mich dort immer wieder verabschieden musste, hat mich gestresst. Zu Hause konnte ich mich nicht gut erholen, sondern war in Gedanken bei ihr. Dass man im Spital besser aufgehoben ist, hat sich für mich nicht immer bewahrheitet. Ich musste als Angehörige immer wieder handeln, Pflegende und Ärzte auf etwas aufmerksam machen, dass sie vergessen hatten. Ausserdem leidet die Intimität. Wir hatten eine sehr enge, innige Beziehung. Durch die Krankheit wurde sie noch näher. Im Spital war es komisch, wenn ich mich zu ihr ins Bett legte.

Jetzt trage ich nicht den Status einer Witwe, sondern lebe juristisch „in ausgetragener Partnerschaft“, als hätte ich mich getrennt. Das ist diskriminierend.»

Marie-Louise und ich waren 28 Jahre lang zusammen. Wir haben unsere Partnerschaft erst vor einem Jahr eintragen lassen. Man outet sich mit einer «eingetragenen Partnerschaft». Sie wollte mich erst heiraten, wenn es eine wirkliche Geleichstellung gibt, so wie mit der «Ehe für alle». Jetzt trage ich nicht den Status einer Witwe, sondern lebe juristisch «in ausgetragener Partnerschaft», als hätte ich mich getrennt. Das ist diskriminierend.

Der Onkologe prognostizierte, Marie-Louise habe noch ungefähr eineinhalb bis zwei Jahre zu leben. Das hat ziemlich genau gestimmt. Ich empfand dieses Wissen nie als Belastung, sondern es half mir, meine Kräfte einzuteilen und mich damit auseinanderzusetzen, dass es auch schnell gehen könnte.

Woran ich jetzt noch herumstudiere? Zum Beispiel daran, was Selbstbestimmung heisst, wenn man schwerkrank ist. Für Marie-Louise war es zum Beispiel auch noch ganz zum Schluss wichtig, das Glas selbst zu halten beim Trinken. Wenn die Partnerin krank ist, verändert sich die Partnerschaft. Es war meine freie Entscheidung zur Pflegenden zu werden. Rückblickend frage ich mich manchmal, ob ich das genügend behutsam gemacht habe.

Als pflegende Angehörige mischt man sich ins Leben des anderen ein: Ich habe ihre Rechnungen bezahlt, ihre Konten vorzeitig gekündigt. Ich hatte alle Passwörter. Ich informierte ihre Verwandten, wie es ihr geht. Der Autonomieverlust als kranker Mensch ist enorm. Ich habe ihr Pants angezogen, als sie nicht mehr auf die Toilette konnte, habe an ihr rumgezupft. Sie hat es nicht gestört, sagte, sie sei froh darum. Die Spitex kam anfangs zweimal in der Woche und zum Schluss einmal pro Tag vorbei zum Waschen, Pflegen und Anziehen.

Zwei Wochen vor ihrem Tod dachten alle, Marie-Louise stirbt bald, weil sie so verwirrt und verlangsamt war. Sie sagte aber: Nein, ich bleibe noch vier Wochen. Sie war nochmals sehr präsent, schrieb Abschiedsbriefe, empfing letzte Besuche. Wir konnten auch gemeinsam ihren Abschied gestalten. Sie wünschte sich nach dem Tod mindestens eine Nacht zu Hause bleiben zu können. Wir machten eine Gästeliste, wer sich von ihr verabschieden darf, wenn sie gestorben ist.

Im Laufe des Samstags veränderte sich Marie-Louises Aussehen. Da war für mich klar: Sie ist weitergegangen.»

Glücklicherweise starb sie an einem Freitagmorgen und der Bestatter kam erst am Montag. Das gab uns Zeit. Am Freitagnachmittag kam Monika Jaquenod, die Konsiliarärztin von Palliaviva, vorbei, um den Tod festzustellen. Eine Fährfrau, eine alternative Bestatterin, unterstützte mich beim Waschen und aufbahren. Sie organisierte auch den Sarg, den wir gemeinsam mit den Familien, Freundinnen und Freunden bemalten.

Als Marie-Louise tot war, sang ich ihr weiter vor, ich schlief noch eine Nacht neben ihr. Mir schien, ihre Seele sei noch da. Ihr Körper war noch warm, auch ihr Aussehen war kaum verändert. Im Laufe des Samstags veränderte sich ihr Aussehen. Da war für mich klar: Sie ist weitergegangen.

Weil Marie-Louise kurz vor den Sommerferien starb, wurde sie kremiert, und die Beerdigung fand nach den Ferien statt. Die reformierte Pfarrerin unserer Gemeinde gestaltete die Trauerfeier. Sie hatte Marie-Louise mehrmals zu Hause besucht. Sie wurde in einem Urnengrab beigesetzt. Mir ist es wichtig, dass ich auf dem Friedhof einen Ort habe, wo ich hingehen kann. Ich spreche mit ihr und fühle mich ihr nahe.»

Dieses Gespräch mit Mirijam Heilmann fand vor zwei Monaten statt. Vor zwei Wochen habe ich sie für dieses Video (ganz nach unten scrollen) nochmals getroffen. Ihre Stimmung war weniger traurig als beim ersten Treffen. Sie sagte, dass eine Trauerbegleiterin sie jetzt in ihrer Trauer professionell unterstütze, und es ihr viel bringe.

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