Handhygiene, Einsamkeit und fehlende Worte

29.04.20 | Sabine Arnold

Palliaviva-Mitarbeiterin Ankie van Es nimmt Schutzmaterial und Test-Sets entgegen. Damit kann sie Patienten zu Hause auf Covid-19 testen.

Die erste Welle von Covid-19-Ansteckungen ebbt ab. Dennoch ist der Alltag unserer Patientinnen und Patienten und ihrer Angehörigen noch weit von der Normalität entfernt. Auch unsere Arbeit ist anders als vor zwei Monaten. Ein Rückblick.

Zu Beginn der Coronakrise herrschte viel Unsicherheit bezüglich Ansteckungsgefahr. Wir taten, was wir ohnehin immer tun: Hände waschen, Hände desinfizieren. Ausserdem rückten wir bereits seit Mitte März mit Masken aus, wie dieser Beitrag erzählt.

Dass die an sich einfachen Mittel – Hygienemaske, Abstand halten, Berührungen vermeiden – die beziehungsorientierte Palliativpflege erschweren, macht Palliaviva-Mitarbeiterin Ankie van Es deutlich. Viele würden sie nicht gut verstehen, zudem falle auch der Gesichtsausdruck weg. «Mir fehlt auch das Ritual des Händedrucks, vor allem bei neuen Patienten.» Sie wisse jeweils nicht, wohin mit ihren Händen.

Zudem fehlt laut Ankie van Es auch den Angehörigen der Körperkontakt zu den Pflegenden, etwa zum Trösten.

Die fehlenden Worte habe ich bisher dadurch kompensiert, dass ich jemandem die Hand gehalten oder einen Arm um die Schulter gelegt habe. Das kann man nicht mehr. Das finde ich sehr schwierig.»

Wir versuchen, die Besuche bei den Leuten zu Hause auf ein Minimum zu reduzieren, und ersatzweise über Telefon, E-Mail oder Video-Chat mit Patientinnen zu kommunizieren.

Wir würden trotzdem niemanden im Stich lassen, sagt Palliaviva-Geschäftsleiterin Ilona Schmidt im Interview. «In diesen schwierigen Zeiten, in denen ganz viele Fragen auftauchen, sind wir erst recht für Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen da.» Ausreichend geschützt könnten wir sogar Covid-19-Infizierte testen und schliesslich auch daheim betreuen.

Die Enkelkinder fehlen

Wie Ilona Schmidt ebenfalls erwähnt, fühlen sich viele unserer Patientinnen und Patienten wegen des Besuchsverbots einsam. Unsere Mitarbeiterin Evi Ketterer sagt, sie gehe deshalb gerne immer noch persönlich bei den Leuten vorbei und vermittle – falls gewünscht – den Kontakt zum Palliativseelsorger. Vielen Grosseltern fehle vor allem der Kontakt zu den Enkeln. «Enkelkinder sind immer eine Quelle grosser Lebensqualität, auch noch im Sterben.»

Vom fehlenden Kontakt zu den Nichten ihrer Ehefrau erzählt auch Mirijam Heilmann. Sie pflegt ihre schwerkranke Partnerin zu Hause. Früher hätten sie einmal pro Woche die Nichten betreut. «Das ist für meine Frau schon schwierig, dass sie die Mädchen im Moment nicht sehen kann. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Lebens.» Die 12-Jährigen seien aber schon bis zum Gartenzaun gekommen, so hätten sie sich wenigstens aus Distanz unterhalten können.

Mit entwaffnender Ehrlichkeit berichtet Heilmann ausserdem über die Herausforderungen, welche die Coronakrise ihrer Frau und ihr als pflegende Angehörige bringen. Zu Beginn fürchteten beide eine Ansteckung mit dem Virus. Ein paar Wochen später bestehe die Herausforderung darin, im Homeoffice den Zustand ihrer Frau jederzeit hautnah zu erleben. «Jetzt bekomme ich jede Veränderung mit und vor allem auch jedes psychische Auf-und-ab.»

Der Vorteil ist hingegen, dass wir nochmals viel Zeit miteinander verbringen können, weil meine Frau vermutlich nicht mehr so lange zu leben hat.»

Wie will ich sterben? Die Fragen zum eigenen Ende drängten mit der Coronakrise plötzlich in den Vordergrund, sogar bei gesunden Menschen. Die schweren Verläufe von Covid-19, von denen man überall lesen konnte, die Schreckensbilder überfüllter Intensivstationen (IPS) in Norditalien, die Mitteilung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Wissenschaften (SAMW), bei «Ressourcenknappheit» würde ein Triage vorgenommen, und Palliativpatienten fänden keinen Platz mehr auf der IPS, gaben vielen zu denken.

Gespräche übers Lebensende forciert

Palliaviva-Mitarbeiter Olaf Schulz erzählt von einer Patientin, deren Mann mit dem Coronavirus infiziert war – und sie wohl auch. Sie entwickelte aber keinerlei Symptome. Sie habe ohnehin zu Hause bleiben wollen, so Schulz, mit der Konsequenz, dass sie zu Hause auch hätte versterben können. «Das kann man nicht mit allen Patienten ansprechen, weil viele das gar nicht so klar angucken mögen. Wir forcieren diese Diskussion aber erneut.»

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