«Es gibt nichts Schlimmeres als unklare Kommunikation und Warten auf die Diagnose»

24.08.21 | Sabine Arnold

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Dr. med. Michael Decker

Michael Decker ist Befürworter einer ganzheitlichen Medizin, deshalb arbeitet er im Zentrum für Integrative Onkologie in Richterswil. Dort werden klassische und komplementäre Therapien kombiniert. Er scheut sich weder, Klartext zu sprechen, noch den Tod zu thematisieren.

Was ist Integrative Onkologie?

Dr. med. Michael Decker: Ein Brückenschlag zwischen klassisch-medizinischer Onkologie und ausgesuchten Verfahren der Komplementärmedizin. Komplementärmedizin ist übrigens nicht Alternativmedizin. Sondern sie funktioniert komplementär, also ergänzend, zu etwas anderem.

Was haben Sie gegen den Begriff Alternativmedizin?

Ich stelle fest, dass in der Öffentlichkeit Komplementär- und Alternativmedizin synonym gebraucht wird. Alternativmedizin suggeriert, dass alternative Methoden etwas anderes bewirken als die klassische Medizin. Wir versuchen aber, das Beste aus der klassischen und der komplementären Medizin zu verbinden.

Auf Ihrer Website fallen auch die Stichworte Ganzheitlichkeit, Patientenzentriertheit, Begleitung von der Diagnose bis zur Genesung oder zum Tod. Das klingt ja wie Palliative Care!

Ja, klar (lacht). Ich glaube, dass Palliativmedizin auch eine ganzheitliche Behandlung ist, die versucht einen Menschen in all seinen Ebenen zu erfassen. Für mich bedeutet ganzheitlich, mein Gegenüber so zu behandeln, wie wenn ich selbst betroffen wäre. Ich möchte als Mensch wahrgenommen, nicht auf meiner Krankheit reduziert werden, eine klare Diagnose sowie eine Aussage zu meiner Therapie erhalten. Ich will Transparenz und als mündiger Mensch in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden.

Ganzheitlichkeit heisst vor allem gutes Zuhören, gutes Wissen und hat mit dem Faktor Zeit zu tun.»

Was machen Sie anders als klassische Onkologen?

Ich glaube, viele Menschen in der Onkologie arbeiten heute ganzheitlich. Das heisst vor allem gutes Zuhören, gutes Wissen und hat auch mit dem Faktor Zeit zu tun. Wenn ich den Patienten nur fünf Minuten sehe, werde ich ihm wahrscheinlich weniger gerecht, als wenn ich einen anderen zeitlichen Rahmen habe.

Wie lange dauern Ihre Sprechstunden?

Erstgespräche dauern mindestens eine Stunde. Danach hängt es von der Regelmässigkeit ab, in der ich einen Patienten sehe, und von der Situation, in der er sich befindet. Ist es eine wöchentliche Verlaufskontrolle oder hat man ihn sechs Monate nicht mehr gesehen?

Welchen Stellenwert haben die Angehörigen in der Integrativen Onkologie?

Einen hohen. Die klassische Frage beim Erstgespräch ist, ob jemand seine Ehefrau, seinen Ehemann zum Gespräch mitnehmen darf. Ich sage jeweils: Das ist ihre Entscheidung. Ganzheitlichkeit bedeutet auch, einen kranken Menschen einen bestimmten Abschnitt seiner Biografie zu begleiten. Auf diesem Wegstück sind neben ihm auch andere Menschen wichtig. Eine psychoonkologische Beratung bieten wir neben unseren Patienten auch den nächsten Angehörigen an, also zum Beispiel den Ehefrauen. Diese dürfen, wenn gewünscht, auch alleine die Termine wahrnehmen, wenn die Patienten nicht wollen oder können.

Wie wichtig ist die Kommunikation in Ihrem Fach?

Sehr wichtig. Für einen Menschen, der vermutlich eine Krebsdiagnose erhält, gibt es nichts Schlimmeres als erstens warten zu müssen und zweitens unklare Kommunikation. Beides versuchen wir zu verhindern. Die Abklärungen sollen schnell gehen, und wichtige Befunde besprechen wir nicht am Telefon, sondern persönlich.

Wie überbringen Sie schwierige Nachrichten?

Ich spreche sie ganz am Anfang des Gesprächs an, in den ersten Sätzen.

Nur ein Teil dessen, was man als Arzt in einer Ausnahmesituation sagt, bleibt beim Gegenüber hängen. Das muss man wissen.»

Was sagen Sie konkret?

Ich schildere den Befund und sage, es sei eine schwierige oder komplexe Situation.

Man weiss aus Untersuchungen, dass Patientinnen und Patienten in Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten nur einen Bruchteil des Inhalts aufnehmen. Hoffen Sie darauf, dass man zu Beginn noch aufmerksam ist?

Als medizinisch tätiger Mensch sollte man wissen, dass nur ein Teil dessen, was man in einer Ausnahmesituation sagt, beim Gegenüber hängen bleibt. Deshalb muss diese Botschaft klar sein und deswegen finde ich es auch gut, wenn Angehörige im Gespräch dabei sind. Es ist ohnehin schwierig, wenn sie wichtige Informationen nur indirekt erhalten. Ich finde es gut, wenn in entscheidenden Gesprächen mindestens vier Ohren zuhören.

Wie unterscheidet sich die Integrative Onkologie von der Palliative Care?

Jeder onkologisch tätige Arzt überschneidet sich in einem grossen Bereich mit der Palliative Care. Oft wird dies aber nicht klar ausgesprochen. Häufig verfolgt man kurative Ansätze mit dem Ziel der Heilung, befindet sich in adjuvanten Therapiesituationen – lässt also Chemotherapien an eine Operation oder Bestrahlung anschliessen –, macht Abklärungen, die nichts Bösartiges herausfinden. Dort ist es ein ganz anderes Feld. Aber häufig sind onkologische Erkrankungen fortgeschritten und können nicht geheilt werden. Wird reden dann von einer palliativen Behandlung mit dem Ziel der bestmöglichen Lebensqualität und Kontrolle von tumorbedingten Symptomen. Wenn Patienten in ihrer Kopie des Austrittsberichts das Wort «palliativ» lesen, dann kommt regelmässig die Rückfrage: Bin ich wirklich palliativ? Palliativmedizin bedeutet in unserem Alltagsjargon leider, dass es schon fünf vor zwölf ist.

Ich betone, dass man nicht nichts mehr macht. Wir machen im Gegenteil noch sehr viel, bis zum letzten Atemzug.»

Wie bekämpfen Sie dieses Vorurteil?

Ich versuche, im Gespräch zwischen heilbaren und nicht mehr heilbaren Situationen zu unterscheiden. Ich versuche genau zu beschreiben, was der Tumor macht, zum Beispiel: Eine Operation kann den Tumor nicht mehr gänzlich entfernen, da er sich an verschiedenen Stellen ausgebreitet, Ableger an anderen Orten im Körper hat. Damit sind wir in einer Behandlungssituation, in der wir nicht mehr einen heilenden, sondern einen palliativen Ansatz verfolgen. Das kann aber auch bedeuten, dass die Situation stabil bleibt und bei guter Lebensqualität über Jahre anhält.

Was sagen Sie, wenn jemand fragt, ob er oder sie sterben wird?

(denkt nach) Ich formuliere eine möglichst realistische Einschätzung, kommuniziere möglichst offen und transparent. Ich sage aber auch, dass wir den Moment des Todes nicht gut abschätzen können. Wir haben uns schon manchmal erheblich getäuscht. Ausserdem ist es mir wichtig zu betonen, dass man nicht «nichts mehr» macht. Wir machen im Gegenteil noch sehr viel bis zum letzten Atemzug.

Welche Vorstellung haben Sie vom Tod?

Die meisten Menschen denken, dass mit dem Tod nicht einfach ein Zellverband aufhört zu existieren, sondern leben in völlig unterschiedlichen Bildern. Eine junge Patientin, die ich begleitet habe, sagte kurz vor ihrem Tod: Die Erkrankung wird meinen Körper in den nächsten Tagen sterben lassen. Ich habe aber gelernt, dass mein Wesen, das mich als Mensch ausmacht, heil bleibt.

Es gibt Onkologen, die Patient*innen fallen lassen, wenn sich diese gegen eine weitere Chemotherapie entscheiden.

Wir schreiben auf unserer Website auch: aus einer Hand und unter einem Dach. Das bedeutet für uns, dass das Behandlungsteam von Beginn der Erkrankung bis dahin, wohin der Weg führt, dasselbe bleibt.

Sie sehen sich also als Begleiter eines Menschen durch seine Krankheit hindurch, egal, wie sie ausgeht.

Ja.

Ist es Ihnen nicht manchmal fast unheimlich, wie wichtig Sie als Arzt für Patientinnen und Patienten sind, der Gott in Weiss quasi?

(Lacht und schaut an sich runter) Mein T-Shirt ist blau! In bestimmten, häufig kritischen Situationen bin ich ein wichtiger Ansprechpartner. Das hat meistens eine zeitliche Begrenzung. Manchmal begegne ich ein paar Jahre später Angehörigen eines Patienten, den ich eng betreut habe, und sie fragen mich: Woher kenne ich Sie denn? Das relativiert das Ganze wieder.

Die Patienten erzählen mir übrigens nicht: Palliaviva war bei mir. Sondern sie sagen: Frau Irniger war bei mir.»

Was zeichnet Patientinnen und Patienten aus, die die Integrative Onkologie wählen?

Das sind Menschen, die sich intensiv mit ihrer Situation beschäftigt und wichtige Fragestellungen an ihre Behandlung haben. Häufig wollen sie den Brückenschlag zwischen klassischer Onkologie und Komplementärmedizin. Wir haben aber auch Patienten, vor allem aus der Region, die eine rein klassische onkologische Behandlung wählen.

Sie bieten diese Zweitmeinungs-Sprechstunde an. Ist das ein Marketing-Trick oder entspricht das wirklich einem Bedürfnis? 

Es ist ein zunehmendes Bedürfnis, vor allem bei Neudiagnosen und wichtigen Behandlungsentscheidungen. Unsere Patientinnen und Patienten kommen dafür zum Teil auch überregional zu uns, aus dem Tessin etwa oder aus der Zentralschweiz. Eine Zweitmeinung einzuholen, empfehlen wir auch den Patienten, bei denen wir die Tumordiagnose gestellt haben.

Können Sie, nachdem das Paracelsus-Spital in Richterswil schliessen musste, noch Patientinnen und -Patienten stationär behandeln?

Wir führen hier eine Praxis mit Tagesklinik-Struktur, können also keine Patienten stationär behandeln. Das konnten wir vorher, wobei Menschen von weiter weg bereits eher ihre heimatnahen Spitäler wählten. Wenn es besser ging, konnten sie für die Weiterbehandlung wieder zu uns kommen. Jetzt versuchen wir, mit regionalen und überregionalen Spitälern, Palliativstationen und Hospizen verstärkt zusammenzuarbeiten. Die nächstgelegenen sind die Palliativstation in Affoltern am Albis und die Hospize in Hurden und Feusisberg SZ.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Palliaviva?

Seit sehr vielen Jahren als gut und verlässlich. Man kennt sich gegenseitig. Ich weiss, worauf sich Patientinnen und Patienten bei einem Erstbesuch von Palliaviva einstellen müssen. Dass die Pflegenden einen Medikamenten- und Notfallplan vorschlagen und dass sie sich die Zeit, die es braucht, für ein Gespräch nehmen. Oft entsteht ein starkes Vertrauensverhältnis zu wenigen Pflegenden. Die Patienten erzählen mir übrigens nicht «Palliaviva war bei mir» sondern sagen «Frau Irniger war bei mir.» Den persönlichen Kontakt finde ich auch als behandelnder Arzt angenehm.

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