Erzählen, auch im Fehlen
12.01.26
Literatur
Wie umgehen mit dem Verlust der gemeinsamen Gegenwart? Nach Jahren der vertrauten Zweisamkeit ist alles Gemeinsame nur noch Vergangenheit, und die Zukunft muss alleine gedacht werden. Wem werden das Tagesgeschehen, die Erlebnisse, das Gedachte und Gefühlte erzählt? Mit wem ärgert man sich über das politische Weltgeschehen, die Arbeit oder auch nur das Wetter? Vielleicht hören die Kinder zu oder wenigstens die Katze, der Hund? Oder verstummt man, wenn der Partner oder die Partnerin gestorben ist?
Dorothy Gallagher ist nach dem Tod ihres Mannes Ben nicht verstummt. Im Gegenteil, sie spricht weiter und schreibt ihre Gespräche mit ihm in dem schmalen Buch Und was ich dir noch erzählen wollte nieder. Es ist eine poetische und philosophische Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir mit Trauer umgehen, ohne dabei in völlige Stille zu verfallen. Die Autorin lässt uns teilhaben an ihrer Reflexion über den Tod, die Erinnerung und das fortgesetzte Sprechen mit den Verstorbenen. Ihre Haltung ist nicht Resignation, sondern ein beharrliches Erzählen, das uns Lesende wissen lässt, dass Liebe und Verlust sich nicht nur in der Erinnerung manifestieren, sondern auch im fortlaufenden Dialog.
So erzählt sie ihrem verstorbenen Mann vom Tod der alten Katze, von ihrem Umzug aus der gemeinsamen Wohnung, oder sie erinnert Ben daran, wie er ihre Mutter kennengelernt hat. Dabei stellt sie sich sehr wohl vor, wie er auf ihre Geschichten reagieren würde.
Sie erzählt ihm, dass auf ihrem Balkon im New Yorker Appartement zwei Tauben gelandet sind. Anfangs vertreibt sie sie, doch die Tauben kommen zurück. Sie bauen ein Nest und legen Eier. Gallagher lässt sie gewähren, obwohl sie es ursprünglich nicht wollte. Die Tauben wachsen ihr ans Herz, sie kümmert sich um die Tiere, stellt ihnen Wasser hin, verscheucht Raubvögel und sinniert beim Betrachten der Tauben über Noah, der eine Taube losschickt, um zu erfahren, ob das Wasser zurückweicht und ein Neuanfang möglich ist. Sie reflektiert über die Symbolik der Taube als Friedensbringerin und als Tier, das in der Kunstgeschichte immer wieder als Symbol für Hoffnung und Erneuerung auftritt.
Die US-Amerikanerin Gallagher hat mit Und was ich dir noch erzählen wollte ein zartes, melancholisches und ermutigendes Buch über das Weiterleben nach dem Tod ihres Ehemanns geschrieben. Wer sich auf die Gespräche einlässt, wird ein Buch entdecken, das nicht nur der Trauer Raum gibt, sondern auch die Kraft der Erinnerung und das Weiterleben erfahrbar macht. Es ist ein Buch, das Mut macht, am Verlust zu arbeiten, ohne dabei den Kontakt zur Vergangenheit abzubrechen.– Katrin Zbinden
Dorothy Gallagher: Und was ich dir noch erzählen wollte, aki, Zürich, 2021
Katrin Zbinden (Jahrgang 1975) kennt Palliaviva als Angehörige und schreibt für diesen Blog in loser Folge Rezensionen von Büchern übers Leben und Sterben. Ihr Mann starb im Frühling 2024 an einem bösartigen Hirntumor. Seither macht Katrin Zbinden die Erfahrung, dass ihr Lesen bei der Verarbeitung der Trauer hilft. So entstand eine Literaturliste, die sie anderen Interessierten zur Verfügung stellt.
Sie ist ehemalige Verlagsleiterin einer Architekturzeitschrift und arbeitet freiberuflich für die Stiftung Architektur Schweiz und für Camponovo Baumgartner.