«Die Organisation befand sich an einem Wendepunkt»

06.06.24

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Porträt von Ilona Schmidt, Geschäftsleiterin Palliaviva.

Als Ilona Schmidt 2013 zu Palliaviva kam, befand sich der mobile Palliative-Care-Dienst gerade in einer schwierigen Phase. Die Geschäftsleiterin erinnert sich im Interview, wie sie die Herausforderungen anpackte. Und sie äussert sich zum Fachkräftemangel und zu unkonventionellen Ideen, die Abhilfe schaffen könnten.

Kannst du dich an deine ersten Berührungspunkte mit Palliaviva erinnern?

Sicher, denn ich habe vor meiner Zeit hier ja bereits in der Palliative Care gearbeitet. Bis 2013 war ich Leiterin Pflege und Betreuung im Zürcher Lighthouse. Wir hatten immer wieder mit Palliaviva beziehungsweise mit der Onko-Spitex und später Onko Plus, wie die Organisation nacheinander hiess, zu tun. Die Palliative-Care-Szene im Kanton Zürich war damals noch sehr überschaubar; durch den Verband Palliative zh+sh kannten sich alle und hatten Kontakt untereinander. Neben dem Langzeit- beziehungsweise Hospizbereich, in dem ich beim Lighthouse tätig war, hatte die mobile spezialisierte Palliative Care schon damals einen wichtigen Stellenwert. Der Wunsch, möglichst lange daheim zu sein, ist ja nicht neu.

Wie kam es zu deinem Wechsel zu Palliaviva?

Eine gute Kollegin von mir, Claudia Erne, arbeitete hier, und ich befand mich damals in einer Phase der Neuorientierung. Da fand ich, eine Arbeit bei Palliaviva könnte sehr gut zu mir passen. Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, mich in meiner Management-Karriere weiterzuentwickeln. So habe ich mich beworben und schliesslich die Stelle als Geschäftsleiterin angetreten.

Was hast du angetroffen?

Einen Haufen Herausforderungen. Die Organisation befand sich an einem Wendepunkt – und das unter verschiedenen Aspekten. Bei den Finanzen und beim Personal musste einiges aufgegleist werden, das ich mit Freude in Angriff nahm. Klar war auch, dass auf strategischer Ebene Neues angegangen werden musste. Mein Auftrag war es, diese Veränderungen mit dem Stiftungsrat zusammen anzupacken.

Was heisst das konkret? Was wurde beschlossen?

Der Stiftungsrat sprach sich dafür aus, dass sich unsere Organisation aufs Kerngeschäft konzentrieren soll. Wir verstehen uns als spezialisierter Dienst, der Betroffene und ihre Angehörigen ergänzend zur lokalen Spitex, die für die Grundpflege zuständig ist, zu Hause betreut. Unser Ziel ist es, eine gleichberechtigte Partnerschaft aufzubauen und mit Spitex-Organisationen wie auch Hausärztinnen, Hausärzten und Spitälern ein tragfähiges Netzwerk zu bilden. Der Stiftungsrat entschied sich damals auch bewusst für die Strategie der Regionalisierung.

Wir hatten zum Ziel, Vertrauen und Beziehungen aufzubauen.»

Wie seid ihr vorgegangen?

Die erste Region, in der wir uns bewusst verankert haben, war das Knonaueramt. Mit dem damaligen Chefarzt des Kompetenzzentrums für Palliative Care am Spital Affoltern, Roland Kunz, hatten wir einen profunden Kenner, Profi und Unterstützer an Bord. Eine wichtige Rolle spielte auch Verena Bieri, die Geschäftsleiterin der Spitex Knonaueramt. Sie war offen für die Zusammenarbeit und hatte den Sinn der Spezialisierung verstanden. 2015 bezogen wir dann ein Büro in Obfelden in den Räumlichkeiten der Spitex Knonaueramt: unsere erste Aussenstation. Den Geschäftssitz hatten wir damals bereits in Zürich-Oerlikon.

Die Idee der Verankerung in den Regionen hat bis heute Bestand. Sie war offensichtlich gut?

Das zeigt die Geschichte, ja. Wir hatten mit einem Bezirk, also Affoltern, begonnen, und bald kamen Dielsdorf, Horgen, Männedorf, Bülach und im Jahr 2022 Winterthur dazu. Wir suchten überall bewusst die Nähe zu den lokalen Spitex-Organisationen und hatten zum Ziel, Vertrauen und Beziehungen aufzubauen. Das derzeitige Zusammenrücken mit den Spitälern sehe ich als Weiterentwicklung dieser Strategie. In Affoltern, Männedorf und Bülach zogen wir in Räumlichkeiten der Spitäler. Die Nähe zu den Spitälern und hier vor allem zu den Palliativstationen hat für uns wiederum Vorteile: In Affoltern, Bülach und in Männedorf haben sich Modelle der integrierten Versorgung etabliert, die vor allem den Patientinnen und Patienten zugutekommen.

Inwiefern?

Schwer kranke Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen werden in einem engmaschigen Netz begleitet und betreut, in das Spezialistinnen und Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen eingebunden sind. Das sind Palliativ-Pflegfachfrauen und -männer, Ärztinnen und Ärzte, Spitex-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter, aber auch Seelsorgerinnen und Seelsorger, um nur einige zu nennen. Der Übergang von zu Hause ins Spital oder vom Spital nach Hause kann für die Betroffenen damit sehr gut geplant werden. In vielen Spitälern darf das Palliaviva-Team am regelmässig stattfindenden interdisziplinären Rapport teilnehmen. An diesen Sitzungen besprechen die Fachleute alle Aspekte von Situationen, in denen sich Patientinnen und Patienten befinden.

Und wie profitieren die Betroffenen davon?

Um Vertrauen aufzubauen, sind persönliche Begegnungen essenziell. Unser Team kann im Spital – beispielsweise nach einem Rapport – direkt kurz bei Patientinnen oder Patienten im Zimmer vorbeigehen, um «Grüezi» zu sagen. Der Übergang nach der Spitalentlassung ins Zuhause, wo Palliaviva die Betroffenen weiterbetreut, wird dadurch enorm erleichtert.

Was hat sich in der Zeit, die du bei Palliaviva überblickst, am meisten verändert?

Da gibt es einiges, und das Gesundheitswesen ist an sich ja ein sehr dynamisches Umfeld. Grundsätzlich erlebe ich heute eine grosse Professionalität im ambulanten Bereich, gerade auch bei den Spitex-Organisationen. Der Wille zur Zusammenarbeit im Sinne der Patientinnen und Patienten mit uns als spezialisiertem Dienst ist unheimlich gross. Die Berechtigung der spezialisierten Palliative Care wird heute anerkannt; wir müssen uns nicht immer wieder neu erklären. Und die Anzahl unserer Mitarbeitenden bei Palliaviva hat sich verdoppelt, ebenso wie die Zahl der von uns betreuten Patientinnen und Patienten.

Was ist gleichgeblieben, seit du Geschäftsleiterin bei Palliaviva bist?

Die Finanzierung war und ist sehr herausfordernd. Zurzeit etwa wird rundherum alles teurer – mit Ausnahme unserer Leistungen. Die Tarife, welche die Gemeinden bezahlen, werden jährlich neu berechnet und angepasst. Die Krankenkassen-Tarife dagegen wurden in zehn Jahren nur einmal angepasst. Zudem bekommen wir den Fachkräftemangel in aller Härte zu spüren. Als nicht gewinnorientierte Stiftung ist es für uns schwierig, mit grossen Arbeitgebern im Gesundheitswesen mitzuhalten, welche die Löhne ständig erhöhen können.

Grundsätzlich sind wir in einer glücklichen Lage.»

Was würdest du dir wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?

Mehr Personal, ganz klar. Wir hätten dadurch die Möglichkeit, noch mehr in die Teamentwicklung zu investieren und spannende Projekte einzuführen. Auch die Netzwerkarbeit in den Regionen könnten wir noch stärker intensivieren. Grundsätzlich aber sind wir in einer glücklichen Lage: Wir haben treue Spenderinnen und Spender, ohne die Palliaviva nicht mehr existieren würde. Unser Netzwerk im SPaC, dem Verband spezialisierter Palliative Care Leistungserbringer, ist hervorragend. Wir organisieren regelmässig gemeinsame Weiterbildungen. Und wir haben mit dem Pikettdienst, den wir uns am Wochenende mit dem mobilen Palliative-Care-Dienst des GzO Spital Wetzikon teilen, ein Vorzeigemodell.

Trotz diesen positiven Aspekten: Der Fachkräftemangel ist gravierend. Hast du Ideen, wie man ihn entschärfen könnte?

An den Forderungen der Pflegeinitiative muss man dranbleiben. Und ich plädiere dafür, den Weg der Kooperation zu gehen. Es bringt nichts, sich gegenseitig das Personal abzujagen. Viel besser fände ich es, wenn die Durchlässigkeit zwischen den Organisationen und Institutionen grösser würde. Erfahrene Pflegefachleute, die an einem Ort hochprozentig arbeiten und sich mehr Abwechslung und Input wünschen, sollten ihr Pensum aufteilen können: 40 Prozent in einem Heim beispielsweise und 40 Prozent bei Palliaviva. Ein Gewinn wäre das nicht nur für die Pflegenden, sondern vor allem auch für die Patientinnen und Patienten. Sie würden von extrem viel differenziertem Fachwissen profitieren.

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