Die Nachbarinnen

09.01.19 | Sabine Arnold

Frau B. durfte wie gewünscht in ihren eigenen vier Wänden sterben, obwohl sie alleinstehend ist und keinen Kontakt zu ihrer Familie hat. Ihre Nachbarin hat ihr diesen Wunsch ermöglichst und hat sie liebevoll betreut.

Es ist ein vierstöckiges Haus mit grosszügigen und eleganten Wohnungen im Limmattal. Frau A. wohnt mit ihrem Mann zuoberst. Frau B. darunter. Zwischen ihnen liegen eine Treppe und 32 Jahre. Frau B. ist 94 Jahre alt, als im März 2018 klar wird, dass ihre Blutarmut – die Ursache dafür ist unbekannt – die ihr noch verbleibende Lebenszeit beschränken wird. Frau A. ist 66 Jahre alt und besucht ihre Nachbarin im Spital. «Jetzt musst du dir ein Pflegeheim aussuchen», sagt sie. Doch die durch und durch selbstbestimmt lebende Dame, stets modern-elegant gekleidet, will nicht in ein Pflegeheim. Sie würde am liebsten zu Hause bleiben, sagt sie, in ihren eigenen vier Wänden, in denen sie sich wohl fühlt und auch gerne alleine ist. «Ich betreue dich», verspricht ihr Frau A. und ergänzt: «Unter einer Bedingung: Du musst mitmachen.»

Mitmachen heisst, die Hilfe, die ihr die Nachbarin bietet, auch anzunehmen, und jene der Spitex ebenfalls. Für sie, die gerne selbst den Ton angibt, ist das nicht ganz einfach. Die Spitex kommt täglich für die Grundpflege vorbei, und alle 14 Tage macht eine Haushaltshilfe den Wochenkehr.

«Ich glaube, wenn man mit Scheuklappen durchs Leben geht, und nur für sich schaut, verpasst man viel.»
Frau A., pflegende Nachbarin

Frau A. kennt sich in der Pflege und Betreuung von Palliativpatienten aus: Erst vor einem Jahr starb ihr Bruder an Krebs. Zusammen mit dessen Partnerin, die berufstätig war, pflegte sie ihn bis zuletzt. Ausserdem wuchs sie mit drei Generationen auf einem Bauernhof auf. Nicht nur ihr Vater, sondern zuvor auch der Grossvater, der Grossonkel und die Grosstante starben zu Hause. Später arbeitete sie als Pflegeassistentin bei der Spitex, mochte immer die «schwierigeren Fälle», die ihr etwas abforderten. Für sie ist es selbstverständlich, der Nachbarin bis zum Tod zur Seite zu stehen. «Ich glaube, wenn man mit Scheuklappen durchs Leben geht, und nur für sich schaut, verpasst man viel.»

Schon einmal hat sie die Nachbarin unterstützt, als diese einen Schlaganfall erlitt. Acht Jahre zuvor schaffte es Frau B., die Rehaklinik ohne Rollstuhl und Rollator zu verlassen. «Das hat mich beeindruckt. Mir wurde bewusst, dass sie eine sehr starke Frau ist», sagt Frau A. Sie kümmerte sich auch damals um die genesende Nachbarin.

In diesem letzten halben Jahr wird die Freundschaft zwischen den beiden Frauen intensiver. «Wir waren sowieso schon ihre neue Familie», sagt A. 15 Jahre zuvor war die Witwe B. ins Haus gezogen, ein paar Jahre, nachdem ihr Mann gestorben war. Sie lebte zurückgezogen, aber nicht einsam. Sie führte ihre Hunde aus, strickte viel. Auch Wochen nach ihrem Tod liegen in Frau A.s Wohnungen gestrickte Teddybären bereit zum Verschenken. Der Kontakt zur eigenen Tochter war bereits mehrere Jahre vorher nach einem Streit abgebrochen. An Heiligabend wollte sie stets allein sein. Das akzeptierte die Nachbarin. An Silvester aber klingelte sie die Freundin zusammen mit einer dritten Nachbarin regelmässig zum Anstossen heraus.

Einmal pro Tag bringt die Jüngere der Älteren nun etwas zu essen nach unten. «Ich fragte immer, ob sie nicht mit uns essen wolle. Sie sagte, sie wolle uns nicht zur Last fallen.» Ihre Lieblingsessen sind «Saucenfleisch» mit Gemüse oder mit Käse überbackene Gratins. Sie schwärmt von den Kochkünsten ihrer Nachbarin: « Bei dir ist es wie im Hotel, sagte sie manchmal.» Im Gegenzug bäckt die über 90-Jährige bis im März noch jede Woche einen Strudel oder einen Cake für die Nachbarsfamilie.

«Der Schwiegersohn sagte, ich solle mich melden, wenn alles vorbei ist.»
Frau A., pflegende Nachbarin

Als es mit Frau B.s Gesundheit im Sommer weiter abwärts geht, macht die Nachbarin die Tochter ausfindig und ruft sie an. Sie will ihr mitteilen, dass ihre Mutter nicht mehr lange leben wird. Der Schwiegersohn, der den Anruf entgegennimmt, reagiert skeptisch und sagt, sie solle sich melden, «wenn alles vorbei ist». Als es immer mehr dem Sterben entgegengeht, realisiert Frau. A., wie stark die ungelösten, familiären Probleme die Freundin quälen. «Wenn ich jedoch fragte, ob noch etwas zu erledigen sei, sagte sie, ich solle nicht bohren.»

Eine weitere, inzwischen dritte Bluttransfusion, die sie auch zu Hause hätte empfangen können, lehnt Frau B. Ende August ab. Sie entscheidet sich im Gespräch mit ihrem Hausarzt Walter Schweizer von der Gemeinschaftspraxis Engstringen dafür, keine Behandlung mehr fortzuführen. Sie sei nun bereit zu sterben. Er holt Onko Plus hinzu.

«Bin ich noch da?»
Frau B. in ihren letzten Wochen

Die beiden Nachbarinnen können offen übers Sterben und den Tod sprechen, oft gespickt mit einer Prise Humor, erzählt Frau A. schmunzelnd. Gegen Ende fragt die Nachbarin sie morgens regelmässig: «Bin ich noch da?» Ihre Freundin versichert ihr, dass sie beim Übertritt von ihren verstorbenen Hunden abgeholt werde. Die andere wiederum verspricht, im Jenseits dafür zu sorgen, dass in ihrer Stunde auch jemand für sie da sein werde.

Frau B. ist sie noch recht mobil, erst die letzten 14 Tage liegt sie nur noch im Bett wird von struben Halluzinationen geplagt: Sie sieht weisse Gestalten, eine trägt ein geschnetzeltes Ross auf der Schulter. Auf dem Schrank sitzt eine strickende alte Frau. «Schick sie weg!» bittet sie die Nachbarin. Sie ist sehr unruhig. «Sie muss ihr Leben wohl noch einige Male durchleben.» Dazu kommen Symptome wie Wasseransammlungen im Rumpf, grossen Durst und Appetitlosigkeit. «Sie mochte nicht einmal mehr Saucenfleisch essen.»

«Als sich schliesslich die gesamte Mobilmachung in ihrem Schlafzimmer befand, wurde es mir mulmig zu Mute.»
Frau A., pflegende Nachbarin

In den letzten Nächten wacht die Nachbarin an ihrem Bett. «Als sich schliesslich die gesamte Mobilmachung in ihrem Schlafzimmer befand, wurde es mir mulmig zu Mute.» Sie ruft Onko Plus an und holt sich Tipps, womit die Patientin zu beruhigen sei. Sie wird in ihrer Vermutung bestätigt, dass sich ihre Freundin nun in der terminalen Phase befindet. Dank ihres Fachwissens ist ihr bewusst, dass sie die Halluzinationen ihrer Freundin ernst nehmen muss. Dazwischen hat diese auch klare Momente und fragt: «Gell, das war jetzt nicht wahr?» Eine Pflegefachfrau von Onko Plus bringt Notfallmedikamente vorbei, instruiert die Nachbarin und organisiert Freiwillige als Nachtwachen, damit sie sich auch einmal ausruhen kann. Doch dazu kommt es nicht mehr. Nach der dritten unruhigen Nacht verstirbt Frau B. im Morgengrauen. Frau A. ist schnell nach oben gegangen, um zu duschen, und ein Nachbar hat neben dem Bett von Frau B. aufgepasst.

Was mit ihr nach dem Tod geschehen soll, hat die Patientin zu Lebzeiten geregelt. Sie will kremiert und im Gemeinschaftsgrab beigesetzt werden. Sie hat sogar bestimmt, welche Freundinnen und Freunde dabei sein sollen und hat der Nachbarin Geld gegeben, damit die kleine Trauergemeinde nach der Urnenbeisetzung etwas essen gehen kann. Erst nach der Urnenbeisetzung darf die Nachbarin die Tochter informieren.

«Mir ist bewusst, dass ich nur eine Seite der Geschichte gekannt habe.»
Frau A., pflegende Nachbarin und Familienersatz

Für Frau A. setzt den Willen ihrer Nachbarin um, wie diese es sich gewünscht hat. Die Tochter von Frau B. und der Schwiegersohn besuchen sie später und bedanken sich bei ihr für die Betreuung. «Mir ist bewusst, dass ich nur eine Seite der Geschichte gekannt habe», sagt Frau A. Ihre Freundin und Nachbarin sei eigensinnig sowie ziemlich dominant gewesen und habe sich wohl auch Vieles verbaut.

«Ich habe in diesem halben Jahr, in dem ich sie intensiver betreut habe, einen anderen Menschen kennengelernt, einen weicheren. Sie war nicht mehr die Kommandantin.» Sie sei froh, ihrer Freundin diesen letzten Wunsch erfüllt zu haben, sagt sie und blickt liebevoll das Porträtbild in ihrer Hand an. Klar, diese Zeit sei auch intensiv gewesen. Ferien mit ihrem Camper, wie üblich, hätten nicht drin gelegen. A. hat aber ihre Grenzen zuvor klar definiert: «Hätte ich die Nerven verloren, hätte ich es nicht mehr machen können.» Aber eben, ihre Nachbarin zeigte sich versöhnlich und dankbar für die Zuneigung. «Ich glaube, am Ende des Lebens offenbart sich jeweils der Kern jedes Menschen.»

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