Die Beizerin im Jenseits

26.01.21 | Sabine Arnold

Im Jenseits wolle sie ein Restaurant führen, sagt J. B. «Auf der Speisekarte stehen wolkenleichte Gerichte und himmlische Desserts.» (Bild: Adobe Stock/Lukas Gojda)

Die 77-jährige J. B. will in den eigenen vier Wänden sterben. Die alleinstehende Krebspatientin lernt gerade, Hilfe zuzulassen. Vom Leben nach dem Tod hat sie eine fantastische Vorstellung.

«Wieso schlägt meine Pumpe immer noch?» J. B. spricht eine deutliche Sprache, wenn sie über ihren bevorstehenden Tod redet oder eben darüber, dass sie ihn sich herbeiwünscht. Die 77-Jährige leidet an einem Speiseröhren- und Magenkrebs, der sie daran hindert, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Bis vor wenigen Wochen ass sie Suppe. Seither trinkt sie nur noch: Kaffee, Wasser, Süssmost. Sie wiegt kaum mehr 40 Kilogramm. Wegen ihrer Krankheit hat sie über 30 Kilogramm abgenommen. Sie habe keine Lebensqualität mehr, sagt sie. «Ich habe keine Freude mehr, wenn ich aufstehe, keine Freude, wenn ich liege.»

Vor wenigen Minuten schwärmte sie aber vom Zitronenduft, den ihr Eveline Häberli vorbeigebracht hat. Die Pflegefachfrau von Palliaviva betreut die alleinstehende Frau und hat das Duftöl organisiert, dass der Patientin das Atmen erleichtert und ihr allgemein gut tut. Auch «Frau Häberli» tut ihr gut, wie B. sie nennt. Die Chemie zwischen den beiden stimmt.

Der Humor stirbt zuletzt

Die Interviews für diesen Text finden per Telefon statt. B. musste das erste Treffen absagen, weil es ihr schlecht ging. Sie erbricht sich immer wieder tagelang, würgt den Schleim herauf, den der Krebs produziert. Sie nennt ihn scherzhaft den «Untermieter», der eigentlich ein «Miet-Nomade» sei. Er zahle keinen Mietzins, bereite ihr nur Scherereien und lasse die Wohnung zerstört zurück. Ihren Humor hat B. noch nicht verloren.

Es braucht Einiges, damit eine Person schwerkrank und ohne Angehörige zu Hause leben kann. Gute Planung, vor allem aber viel Mut auf beiden Seiten, auch Hartnäckigkeit vom Betreuungsteam. Sie sei ein Fan von Palliaviva, sagt J. B. «Es hilft, wenn man weiss, dass jemand da ist.» Zu viel aufs Pikett-Telefon anrufen, möchte sie trotzdem nicht. Schliesslich gebe es Menschen, denen es schlechter gehe. Ins Spital, in ein Pflegeheim oder Hospiz für ihre allerletzte Lebensphase eintreten, will sie nicht. «Was können die mir bieten, was ich nicht zu Hause haben kann?»

Die Fussmassage hat mir schampar gut getan. Ich muss lernen, Hilfe anzunehmen.» J. B., Palliativpatientin

Die 77-Jährige bezeichnet sich selbst als zwei Mal «glücklich geschieden». Mit einer ihrer Töchter hat sie keinen Kontakt, die andere starb vor eineinhalb Jahren am gleichen Krebs wie sie. Zwei Enkel schauen ab und an bei ihr vorbei, kaufen für sie ein oder erledigen ihre Wäsche. Die Spitex brauche sie nicht, sagt sie bei unserem ersten Gespräch. Sie könne sich selbst waschen, auch wenn es eine Stunde dauere und anstrengend sei. Beim zweiten Telefonat jedoch, wenige Tage später, hat sich ihre Meinung geändert: Die Spitex sei heute dagewesen. Sie habe ein fantastisches Fussbad und eine Fussmassage erhalten. «Das hat mir schampar gut getan. Ich muss lernen, Hilfe anzunehmen.»

Unterstützung zuzulassen, fällt J. B. schwer. Schliesslich habe sie schon als 2-Jährige für sich selbst sorgen müssen, das haben sie «gwehrig» gemacht, zäh, erzählt sie. Ihre Mutter sei früh gestorben, der Vater ein schlechter Mensch gewesen, die Stiefmutter böse. Ihr drei Jahre älterer Bruder habe sie gerettet. Er habe Vater- und Mutterrolle gleichzeitig übernommen. Ihm war sie stets nah. Vor acht Jahren starb er an einem Schlaganfall.

Dass B. ihn nach ihrem Tod wiedersehen wird, davon ist sie überzeugt. Denn er habe sie nach seinem eigenen Tod ein Jahr lang besucht. Sie habe stets bemerkt, wie er neben ihr auf dem Sofa sass, ihre linke Körperhälfte wurde dann ganz warm. Oder sie spürte, wie er seine Hand auf ihre Schulter legte, wie er es zu Lebzeiten ebenfalls zu tun pflegte.

Ich habe einige Menschen sterben sehen. Das verlief niemals entsetzlich. Deshalb fürchte ich den Tod nicht.» J. B., ehemalige Krankenpflegerin

J. B. sagt, sie habe weder Angst vor dem Tod noch vor dem Sterben. Sie arbeitete jahrelang als Krankenpflegerin, vor allem bei der Spitex. Sie habe einige Menschen sterben sehen, und das sei meist friedlich und niemals entsetzlich verlaufen. Deshalb fürchte sie den Tod nicht. «Er gehört zum Leben.»

Ihre Wohnung verlässt die Patientin wegen ihrer Schwäche nicht mehr, ihren Alltag verbringt sie mit dem Lösen von Kreuzworträtseln. «Sonst verkümmern die Hirnzellen.» Zudem schaut sie Nachrichten, regt sich über Donald Trump auf oder verfolgt das Schicksal von Menschen, denen es noch schlechter geht als ihr. Auch wenn sie alleine ist – einsam fühlt sie sich nicht. Sie verfügt über ein Netzwerk, und immer wieder mal meldet sich eine Bekannte. Eine Freundin wird ihren Nachlass regeln.

Frau B. verfügt über einen herben Charme. Wie Eveline Häberli mögen sie die Haushaltshelferin und die für sie zuständige Pflegefachfrau von der Spitex ebenfalls gern leiden. «Ich verstehe gar nicht, wieso», sagt die Patientin, «ich bin doch so eine ruppige Person.»

Der beste Platz gehört dem Bruder

Sie wünsche sich jeden Abend, am Morgen nicht mehr aufzuwachen. Was sie noch auf dieser Welt hält, weiss sie nicht. Sie plante auch schon, ihr Leben mittels assistiertem Suizid selbst zu beenden. Aber die eine Sterbehilfeorganisation habe sie wütend gemacht, den Termin mit der anderen sagte sie ab. Ihr erschien dieser Abgang plötzlich feige, nachdem ihre Tochter «so entsetzlich» von der Welt habe gehen müssen.

Was kommt nach dem Tod? «Ich werde im Paradies ein Restaurant führen», fabuliert sie und klingt leicht und beschwingt. «Auf der Speisekarte stehen wolkenleichte Gerichte und himmlische Desserts.» Ein Arzt habe sie auch schon gefragt, ob er eines Tages einkehren dürfe in diesem Gasthaus. Natürlich, meinte sie. «Aber der Fensterplatz ist schon vergeben. Dort wird mein Bruder sitzen.»

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