Ein poetisches Klagelied

05.05.26

Literatur

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Das Cover des Buches von David Grossman: Aus der Zeit fallen.

 

Damit sich die Brust für einen vollen Atemzug wieder weitet, schreibt David Grossman fünf Jahre nach dem Tod seines Sohnes das vielstimmige Buch Aus der Zeit fallen, das von Verlust, Schmerz und der unbändigen Sehnsucht nach einem verlorenen Menschen erzählt.

Ein Mann trauert um sein totes Kind. Er steht nach dem Abendessen auf und will gehend zu ihm nach dort. Das Dort ist der Ort, an dem sein toter Sohn ist – der Dort-Ort, der für Trauernde zugleich so nah und so fern ist. Der gehende Mann streift durch die nächtliche Stadt, dabei gesellen sich immer mehr Menschen zu ihm. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie trauern um ihre toten Kinder. Es entsteht ein vielstimmiger Chor, der sich nur im Wesen um die Trauer gleicht. Ein Erzähler beschreibt die Szenen aus der Aussenperspektive, gleichzeitig lässt der Autor die Trauernden sprechen, weinen, klagen, bitten, rufen und schreien.

«Wo bist du?» «Aber was bist du jetzt? Nur eines sag mir, mein Sohn, ich frage dich nur, fast wie ein Schüler seinen Lehrer – so komm‘ ich mir nun öfter mit dir vor: Wo bist du? Jetzt lehre mich, wie vor gar nicht langer Zeit ich dich, die Rätsel und Geheimnisse der Welt. Verzeih mir auch, wenn diese Frage dumm und etwas abgedroschen klingt, aber ich muss sie stellen, denn schon fünf Jahre frisst sie meine Seele wie eine Krankheit auf: Was ist der Tod, mein Sohn? Was ist der Tod?»

Als Leserin oder Leser begleitet man den Weg der Sehnsucht der Trauernden, verliert sich im Rhythmus von Trauer und Widerstand, gegen die Endlichkeit.

Die Trauernden setzen ihren Marsch fort, ein unaufhörlicher Drang, nicht stillzustehen, sondern immer weiterzugehen. Grossman lässt seine Figuren in einem poetischen, fast hymnischen Ton sprechen. Die Bilder, die er entwirft, werden getragen von einer Musikalität, die die Trauer mit einem Hauch von Trost überzieht. Es entsteht ein Rhythmus der Trauer, in den man als Leserin und Leser hineingezogen wird und den inneren Wunsch verspürt, auch weiterzugehen. Weiterzugehen, ohne je wirklich anzukommen. Der Weg endet an einer Mauer, die im Buch die Lebenden von den Verstorbenen trennt. Die gehenden Menschen können sie nicht durchdringen, können nicht nach Dort. Die Lebenden bleiben von ihren Toten getrennt. Doch in der ständigen Bewegung, im Suchen und Fragen, im Gespräch mit den Toten, bleibt das Leben, das der Verlust hinterlässt, auf seine eigene Weise lebendig.

Es sind kluge Sätze, die der trauernde israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Grossman formuliert. So hat der gehende Mann auch eine Bitte an seinen Sohn: «Ich möchte die Erinnerung vom Schmerz trennen; zumindest den Teil, den man trennen kann, denn sonst ist die Vergangenheit für immer schmerzgetränkt. Dann könnte ich, verstehst du, auch öfter an dich denken und fürchtete nicht jedes Mal den Schmerzbrand der Erinnerung.» – Katrin Zbinden

David Grossman: Aus der Zeit fallen, dtv, München, München, 2023

Katrin Zbinden (Jahrgang 1975) kennt Palliaviva als Angehörige und schreibt für diesen Blog in loser Folge Rezensionen von Büchern übers Leben und Sterben. Ihr Mann starb im Frühling 2024 an einem bösartigen Hirntumor. Seither macht Katrin Zbinden die Erfahrung, dass ihr Lesen bei der Verarbeitung der Trauer hilft. So entstand eine Literaturliste, die sie anderen Interessierten zur Verfügung stellt.

Sie ist ehemalige Verlagsleiterin einer Architekturzeitschrift und arbeitet freiberuflich für die Stiftung Architektur Schweiz und für Camponovo Baumgartner. Mehr übers Lesen und über sich erzählt sie im Podcast.

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