«Das war ein Sterbehaus, jetzt öffne ich die Türen wieder»

30.09.20 | Sabine Arnold

pflegende Angehörige

Ulrike Klemm hat vor zweieinhalb Monaten ihren Mann verloren. Jetzt macht sie vorsichtige Schritte zurück ins Leben.

Kürzlich war Ulrike Klemm mit ihrer 13-jährigen Enkelin am See. «Da wurde geschlendert und gelacht», sagt sie, und man ist als Zuhörerin nicht sicher, ob sie sich selbst meint. Aber doch, die 72-Jährige spricht von sich. Mit jedem Ausflug oder Treffen mache sie einen Schritt zurück in die Welt, der sie stärke. «Das hier war in den Wochen vor dem Tod meines Mannes nur noch ein Sterbehaus. Jetzt öffne ich Tür um Tür.»

Ihr Zuhause hat eine Terrasse mit Seeblick, auf der sie Kaffee und einen selbst gemachten Melonendrink serviert. Der grosse schwarze Labrador Gino liegt im Wohnzimmer und überwacht die Szene von dort aus. Ulrike Klemm fasst sich an den Hals und sagt, es beenge sie nicht, im gemeinsamen Haus weiterzuleben. Es gehe ihr erstaunlich gut, auch wenn es ein Auf-und-ab mit mehr oder weniger Energie bedeute. Am meisten Respekt hat sie vor den administrativen Aufgaben, die auf sie zukämen. Die Trauer ziehe sie nicht runter, sondern sie habe ein richtiges Bedürfnis danach. Sie trauere zum Beispiel bewusst, indem sie den Hundespaziergang auf den Friedhof lenke. «Das ist positive Meditationszeit für mich.» Die Wochen vor dem Tod ihres Mannes seien so intensiv gewesen, es komme immer noch Vieles hoch.

Wegen Corona: allein zum Spezialisten

Die Diagnose hatte Peter Klemm erst Anfang März 2020 erhalten: Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Sein Körper war bereits voller Metastasen. Er bemerkte seine Krankheit erst, weil die Speiseröhre zunehmend eingeengt war und die Nahrung nicht mehr gut rutschte. Die Diagnose und die Behandlung fielen in die Coronakrisen-Zeit, die einen Einfluss auf den weiteren Weg des Patienten hatte. Der Gastroenterologe im grossen Stadtspital riet zu einer Chemotherapie. In die Sprechstunde hätte der Patient aber wegen Covid-19 alleine gehen müssen.

Dazu muss man die Vorgeschichte des 75-jährigen kennen. Der Jurist, in einer Grossbank tätig, war 17 Jahre zuvor als Fussgänger in einem unverschuldeten Verkehrsunfall zum Vollinvaliden geworden. Unter anderem erlitt er schwere Hirnverletzungen. Er habe nur noch ein halbes Gehirn, sagte er und trainierte am Computer und mit Hilfe von Notizen seine Hirnleistungen hart. Weil sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktionierte, war er gerade in Gesprächen mit einem Arzt auf seine Frau oder eines seiner drei erwachsenen Kinder angewiesen, die für ihn mithörten und protokollierten. Aber eben: Wegen der Coronakrise ging das im Stadtspital nicht.

Ulrike Klemm hatte früher als Anästhesistin am Seespital in Horgen gearbeitet. Sie frage einen Onkologen dort um Rat. Er lud die ganze Familie zu einem Gespräch ein, Corona hin oder her. Auch hier stand die Frage im Zentrum: Soll Peter Klemm eine palliative Chemotherapie machen, die zum Wachstumstopp der Metastasen und des Tumors und zu mehr Lebensqualität hätten führen können? Ulrike Klemm erzählt: «Der Onkologe machte uns klar, dass die Entscheidung alleine beim Patienten liegt. Er gab uns auch die Adresse von Palliaviva.»

Das Mitleiden fand ich schwierig. Das Mit-Warten ebenfalls. Das Einzige, was ich konnte, war, gezielt Fragen zu stellen.»
Ulrike Klemm, Ärztin und pflegende Angehörige

Sie hatte als Ärztin und Ehefrau plötzlich die Rolle der pflegenden Angehörigen inne. «Das Mitleiden fand ich schwierig. Das Mit-Warten ebenfalls. Das Einzige, was ich konnte, war, gezielt Fragen zu stellen.» Die palliative Chemotherapie hielt sie für eine «verführerische Sache». Man hätte wöchentlich einen medizinischen Ansprechpartner gehabt, der einem «mit ruhigen Gesicht» begegnete. Weil ihm der Nutzen zu ungewiss war – ein kleiner zeitlicher Aufschub wäre dringelegen, aber nur eventuell – entschied sich der Patient schliesslich dagegen. «Ich war erleichtert», sagt Ulrike Klemm rückblickend.

Sie hatte bisher nicht gewusst, dass es einen auf Palliative Care spezialisierten Pflegedienst gibt, der Patienten zu Hause betreut. Zuerst kam Pflegefachfrau Evi Ketterer nur alle 14 Tage vorbei. «Sie kam zum Reden, verströmte Zuversicht und gab uns Sicherheit.» Als sich der Zustand ihres Mannes verschlechterte, war Ulrike Klemm froh, ihre Beobachtungen teilen zu könne (sie schrieb direkte Verlaufs-Mails an Palliaviva) und eine Fachperson dabeizuhaben, die sich selber ein Urteil bildet. Glücklicherweise hatte der Patient, ausser einem Engegefühl, kaum Schmerzen. Nur der Nachtschlaf litt, dafür schlief er am Tag immer mehr.

Ich habe niemanden von Palliaviva je gehetzt erlebt. Das ist eine seltene Qualität heutzutage.»

«Von Palliaviva haben wir immer Hilfe bekommen, wenn wir sie brauchten, verbale oder ganz direkte Hilfe.» Sie habe sogar Hilfe bei den Beruhigungsmitteln gebraucht, sagt sie und lacht. «Ich als Anästhesistin!» Aber eben: Jetzt war sie die pflegende Ehefrau. «Man will nichts falsch machen, auch wenn es wenig ist, was man tun kann.» Sie habe weder Ketterer noch ihre Kollegin Nicole Rieser, die einmal in der Nacht vorbeikam, gehetzt erlebt. Das sei eine seltene Qualität heutzutage.

Evi Ketterer gelang es auch, mit dem Ehepaar über die Endlichkeit, über den bevorstehenden Tod von Peter Klemm zu sprechen und ein gemeinsames Sprechen darüber anzustossen. Sie hätten zusammen seine 75 Jahre Revue passieren lassen, sein erfülltes Leben gewürdigt, sich gefragt: Was war gut? Was ist vorbei? «Eine Diagnose intensiviert das Leben», sagt Ulrike Klemm rückblickend. Eine Freundin habe ihr auch prophezeit: «So traurig das wird, du wirst auch gute Momente erleben.

Kurz nach einem für sie wichtigen Termin mit der Bank, Ulrike Klemm erinnert sich ans genaue Datum, stand ihr Mann nicht mehr auf. Er habe an diesem Tag gesagt, dass er heute sterben werde und war enttäuscht, als es nicht geschah. Er habe gesagt, er sei nur noch halb in der Welt.

Kurz zuvor hatte er Kontakt mit der Sterbehilfeorganisation Exit aufgenommen. Er war fest entschlossen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Die Sterbebegleiterin habe mit ihm, aber auch mit der Familie gesprochen. «Seinen Wunsch zu akzeptieren, war der einzige Weg, wie wir ihm helfen konnten.» Dann ging alles sehr schnell. Nur wenige Tage später wurde der Sterbetermin vereinbart.

Das waren traurige, aber auch friedliche Gespräche. Er hat unsere Traurigkeit ertragen, war aber selbst nicht in Tränen.»

Trotzdem habe ihr Mann noch Zeit gehabt, sich in Ruhe von seinen drei Kindern und ihr zu verabschieden, sich bei allen zu bedanken. «Das waren traurige, aber auch friedliche Gespräche. Er hat unsere Traurigkeit ertragen, war aber selbst nicht in Tränen. Er mochte und konnte nicht mehr.»

In den letzten Nächten vor seinem Tod kamen noch professionelle Nachtwachen der Stiftung Orbetan zum Einsatz, damit Ulrike Klemm die Türe hinter sich schliessen und selbst schlafen konnte. Die letzte Nacht vor dem Exit-Termin habe diese Pflegefachfrau sogar geleistet, obwohl sie eigentlich frei hatte, erzählt Ulrike Klemm. Es war wichtig, dass Peter Klemm nicht mit Beruhigungsmitteln zugedröhnt ist, wenn er sich selbst das todbringende Medikament verabreicht. Die ganze Familie war in diesem Moment dabei. «Wir waren alle bereit dafür. Exit hielt sich diskret im Hintergrund. Es war eine gute Situation.»

Die nächste Tür, die Ulrike Klemm öffnet, ist ein Urlaub im Ferienhaus der Familie am Sempachersee. Sie will dort viel allein sein, dem Schilf entlang spazieren, vielleicht noch im See schwimmen. Sie wird auch wenig Besuch empfangen. Zum letzten Mal ist sie mit ihrem Mann da gewesen, im Juni. Er fragte sie damals, was sie im September mache. Er war sich sicher gewesen: Er selbst werde dann nicht mehr da sein.

Lebensqualität

Ulrike Klemm schreibt zu diesem Bild, auf dem neben ihr und ihrem Mann, Peter Klemm, auch Labradorrüde Gino zu sehen ist: «Das Photo stammt vom Karfreitag 2020, vom ersten Besuch bei uns in Social Distancing. Eventuell fiel damals erstmals das Wort Chemoverzicht.»  (Bild: zVg).

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