Das Netz hält immer noch

05.10.19 | Sabine Arnold

Patrick Plüss erzählt von der Zeit, als seine Frau schwer krank war (Bild: sa).

Um eine Person, die an einer schweren und sich stetig verschlechternden Krankheit leidet, spannt sich ein ganzes Betreuungsnetz. Bettina Rüegg ist vor zehn Monaten gestorben. Ihr Mann und ihre Schwester erzählen.

Patrick Plüss kommt mir im Garten entgegen, in kurzen Hosen und mit schmutzigen Händen. Er hat ein einige zerbrochene Ziegel in der Hand. Er sei eben aufs Dach gestiegen, um einen Schaden zu begutachten. Um seine Beine springt ein kleiner struppiger Hund. Wir setzen uns an den Gartentisch. Es ist einer der letzten Sommertage. Kaum hat unser Gespräch begonnen, klingelt es, und Plüss‘ Schwägerin, Marleina Rüegg, taucht überraschend auf. Sie sei mit ihrer Nichte verabredet, um Sushi zu machen. Sie setzt sich kurz zu uns.

Patrick Plüss‘ Ehefrau, Bettina Rüegg, ist Mitte Dezember an einem Hirntumor gestorben. Palliaviva hat die 48-Jährige in ihrem letzten Lebensjahr begleitet. Es ist trotzdem kein trauriges Haus, das ich betrete. Es wirkt vielmehr belebt, kreativ chaotisch, nach Familienleben halt.

Erst in den Sommerferien, als ich zum ersten Mal etwas zur Ruhe kam, habe ich ein bisschen die Krise geschoben.» Patrick Plüss, seit zehn Monaten Witwer

Wer genau hinschaut, sieht die Urne auf dem Sofatisch, neben einer Kerze und einem Sommerstrauss in fröhlichen Farben. Dahinter ein Servierwagen mit Fotos der Verstorbenen. Rundherum kleine Objekte aus Recyclingmaterial, welche die Werklehrerin selbst gemacht hat, und weitere Kerzen. An der Wand in dieser Ecke hängen von ihr gemalte Bilder.

«Es geht uns gut», sagt Patrick Plüss am Gartentisch und nimmt einen Schluck Apfelschorle. In der Phase kurz nach ihrem Tod sei er vor allem erleichtert gewesen, gibt er unumwunden zu. Darauf folgte eine Phase, in der er sehr beschäftigt gewesen sei. Erst in den Sommerferien, als er zum ersten Mal etwas zur Ruhe kam, «habe ich ein bisschen die Krise geschoben», sagt er. Im Moment denke er häufiger zurück an die Zeit, in der sie krank war. Er träume zudem viel von ihr, in den Träumen sei sie gesund.

Ihr erscheine Bettina ebenfalls häufig im Traum, sagt die Schwägerin. Sie selbst habe dann stets das Bedürfnis, offene Fragen zu klären. Sie weint. Die traurigen Gefühle überwältigten sie oft, es sei ein stetiges Auf-und-ab, sagt sie. Der Zusammenhalt in ihrer Familie sei schon immer gut gewesen, sagen beide. Oft seien sie miteinander in die Ferien gefahren. Bettina Rüeggs Krankheit schweisste alle noch enger zusammen.

Ihre Defizite wurden zwar immer grösser, aber ihre Persönlichkeit veränderte sich nicht und ihre Augen sprachen bis zum Schluss.» Marleina Rüegg, Schwester der Verstorbenen

Es ist bemerkenswert, welch dichtes Betreuungsnetz Patrick Plüss, Marleina Rüegg und die ganze Familie um die Kranke gespannt haben. «Wir mussten es immer wieder an ihren verschlechterten Zustand, an neue Situationen anpassen», sagt Plüss. Zum Netz gehörten neben ihm, ihren Schwestern, ihren Eltern, Schwiegereltern und Freunden zum Schluss eine Care-Migrantin für die 24-Stunden-Betreuung, die Spitex, die morgens und jeden zweiten Abend die Grundpflege machte, eine Hausärztin, ein Onkologe, eine Psychologin, ein Physiotherapeut sowie Pflegende und die Ärztin von Palliaviva. Sie hätten immer wieder an einer stationären Lösung herumstudiert, sagt Patrick Plüss, zum Beispiel an einem Eintritt in ein Hospiz. Irgendwann stand dieser Schritt aber nicht mehr zur Diskussion. Nun sei er froh, dass seine Frau bis zum Schluss zu Hause bleiben und auch hier sterben konnte.

Die Diagnose Hirntumor erhielt Bettina Rüegg bereits 2010. Die erste Operation folgte zwei Jahre später. Danach war die Hoffnung gross, dass die Krankheit sie in Ruhe lassen würde. 2015 ging es jedoch weiter abwärts. Plüss und Rüegg erzählen im Zeitraffer. Es folgten drei weitere Operationen. Die körperlichen Defizite nahmen zu: Der Hirntumor führte zu einer allmählichen halbseitigen Lähmung, epileptische Anfälle folgten, der Hirndruck stieg an. Zuerst ging sie an einem Stock, später sass sie im Rollstuhl, erst in ihren letzten zwei Lebensmonaten war sie mehrheitlich bettlägerig. Ihre Sprache verlor sie mit der Zeit, aber sehr langsam, erst zwei Wochen vor ihrem Tod war sie nicht mehr ansprechbar. «Ihre Defizite wurden zwar immer grösser, aber ihre Persönlichkeit veränderte sich nicht und ihre Augen sprachen bis zum Schluss», erzählt ihre Schwester.

In der letzten Phase seien sehr viele Leute bei ihnen ein- und ausgegangen, sagt Patrick Plüss. «Manchmal fast zu viele.» Sie alle hatten neue Ideen, die sich zum Teil widersprachen. Das habe seine Frau manchmal auch belastet.

Die Pflegenden von Palliaviva brachten Ruhe und Sicherheit in die Situation. Sie bestätigten uns, dass wir alles richtig machen.» Patrick Plüss

Um das ganze Betreuungsteam, Freunde und Familie, zu koordinieren, benutzten sie eine elektronische Agenda, erzählt Marleina Rüegg. Für sie war es «extrem wichtig» zu wissen, dass ihrer Schwester nie allein ist. Sie habe versucht, selbst so häufig wie möglich da zu sein. Das habe ihr geholfen. «Ich konnte fast nicht mehr gehen», sagt sie, und die Tränen fliessen erneut. Ehemann Patrick Plüss erzählt hingegen, er habe sich Auszeiten von der Krankenbetreuung nehmen müssen. Er widmete sich zwischendurch seinem Hobby, dem Gleitschirmfliegen. Dies habe ihm geholfen, die belastende Zeit durchzustehen. Als die Care-Migrantin bei ihnen einzog, sei er auch wieder häufiger ins Büro gefahren. Bis zum Schluss arbeitete er 60 Prozent in seinem eigenen Umweltingenieur-Büro.

Wie konnten die Patientin und ihre Familie von Palliaviva profitieren? Die Pflegenden hätten Ruhe und Sicherheit in die Situation gebracht, sagt Patrick Plüss und ergänzt: «Sie bestätigten uns, dass wir alles richtig machen.» Am Schluss verabreichten die Angehörigen Bettina Rüegg über einen Subkutan-Zugang sogar Spritzen. Sie lag in einem Pflegebett, das im Wohnzimmer stand, durch einen Vorhang etwas abgetrennt vom Esszimmer.

«In den letzten Tagen schwebte der Tod in der Luft», erzählt der Ehemann. Das sei ein psychischer Stress gewesen, weil man nie wusste, ob man das Haus noch verlassen könne. Das Ende habe sich angekündigt, sagt die Schwester. Schon am Morgen waren Bettina Rüeggs Hände und Füsse kalt. In der Nacht zuvor habe sie gestöhnt und sei länger wach gelegen als sonst. Ihre Schwester rief deshalb aufs Palliaviva-Piketttelefon an. Pflegefachmann Olaf Schulz konnte sie beruhigen, Schmerzen und Erstickungsgefühle ausschliessen.

Auf ihren eigenen Wunsch blieb meine Schwester noch drei Tage aufgebahrt im Wohnzimmer. Sie wollte noch etwas Zeit haben.» Marleina Rüegg

Am darauffolgenden Morgen war Marleina Rüegg ganz alleine mit der Patientin zu Hause. Die Care-Migrantin war kurz mit dem Hund zur Apotheke gegangen. Als die Schwester rasch in die Küche ging, starb Bettina Rüegg.

Auf ihren eigenen Wunsch blieb die Verstorbene noch drei Tage aufgebahrt im Wohnzimmer. Es seien sehr viele Freunde, Bekannte und Verwandte vorbeigekommen, um sich zu verabschieden. Das sei sehr schön gewesen, sagen die beiden.

Heute stehen in der gleichen Ecke die Urne und der Blumenstrauss. Die Asche will die Familie gemeinsam verstreuen, aber das muss noch warten. Zuerst fährt der Sohn für ein Austauschjahr nach Südamerika. So lange wird die Urne noch in der Erinnerungsecke bleiben. Bettina Rüeggs Familie wird die Blumen daneben immer wieder erneuern.

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