Der Hausarzt im T-Shirt

14.08.25

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Hausarzt Bruno Köhler sitzt in seiner Praxis in Mettmenstetten.

Hausarzt Bruno Köhler aus Mettmenstetten macht Hausbesuche und sieht sich nicht nur als Mediziner, der hilft, zu heilen. Er setzt sich im Kontakt mit seinen Patientinnen und Patienten bewusst auch mit dem Lebensende auseinander.

Der Patient, den Bruno Köhler an diesem Nachmittag besuchen wird, wohnt in der Nähe der Praxis. Das ist Zufall, aber sinnbildlich für die Verbundenheit, die dem Hausarzt im Austausch mit seinen Klientinnen und Klienten wichtig ist. Im Grundsatz ist Bruno Köhler ein Arzt, der bemüht ist, Barrieren abzubauen. Das zeigt sich allein schon daran, dass er bei der Arbeit keinen weissen Kittel, sondern ein blaues T-Shirt trägt.

Sein Hausbesuch führt ihn zu einem Ehepaar. Das Gespräch am Bett des Patienten dreht sich um die Schmerzsymptomatik des Mannes. Bruno Köhler wird von zwei Personen aus seinem Praxisteam begleitet: von Rebekka Hotz, die als APN, Advanced Practice Nurse, bei ihm arbeitet, sowie von der ZHAW-Master-Studentin Giulia Both, die ein Praktikum absolviert. Insgesamt beschäftigt Köhler neun Angestellte, darunter eine zweite Ärztin – Andrea Fischer – sowie fünf Medizinische Praxisassistentinnen.

Vom Baby bis zur Urgrossmutter

Bruno Köhler ist damit nicht nur Mediziner, sondern auch Unternehmer – und das seit bald zwanzig Jahren. 2006 übernahm er die Hausarztpraxis in Mettmenstetten von seinem Vorgänger Jürg Bänninger, und lange Jahre wohnte er selber auch im Dorf. «Manche Familien betreue ich schon sehr lange», erzählt Köhler. «Dann kenne ich alle, vom Baby bis zur Urgrossmutter.»

Er schätzt diese Kontakte und die Breite seiner Tätigkeit. Für Palliaviva ist er einer der Hausärztinnen und Hausärzte, die zum wichtigen Netzwerk gehören. Der Austausch ist – wenn sich Patientinnen und Patienten in einer palliativen Situation befinden und zu Hause betreut werden – oft sehr eng. Köhler betont jedoch, er sehe viele Personen auch dann, wenn sie gesund seien: Er führt auch Vorsorgeuntersuchungen durch, beispielsweise auch bei schwangeren Frauen.

Die letzte Lebensphase hat für ihn in seiner Arbeit aber einen grossen Stellenwert. Er sagt, er fühle sich ethisch verpflichtet, seinem Gegenüber mit Transparenz zu begegnen. «Dazu gehört auch, die Wahrheit zu sagen und Unangenehmes auszusprechen.» Eine Krebsdiagnose sei für die meisten Menschen ein grosser Schock, hält er fest. «Dann denke auch ich: ‹So ein Mist›!» Schwierig sei es, wenn den Betroffenen im Spital nicht alles gesagt werde und sie sich in vollkommen falscher Sicherheit wiegten.

Hohe Präsenz

Bruno Köhler räumt allerdings ein, für solche Gespräche brauche es Erfahrung und auch viel Fingerspitzengefühl: «Manche Patientinnen und Patienten bauen Schutzmechanismen auf und wollen schlechte Nachrichten zuerst gar nicht hören.» Hoffnung zu haben, sei zudem auch wichtig, um in einer schwierigen Situation Ruhe zu finden und mit einer guten Qualität weiterzuleben.

Ein assistierter Suizid mit Exit ist für Köhler ausserdem kein Tabu – er spricht diese Option aktiv an, wenn sich abzeichnet, dass das Sterben in absehbarer Zeit unausweichlich sein wird. Jährlich gebe es drei bis vier Exit-Fälle, die das Praxisteam aufgleist, indem er Berichte schreibt und das Rezept ausstellt. Seine APN Rebekka Hotz war kürzlich dabei, als sich ein Patient entschieden hatte, mit Exit aus dem Leben zu gehen.

«Unser Vorteil ist, dass wir häufig mit der ganzen Familie bekannt sind», sagt er. «Das Leben geht nach einem Sterbefall weiter: Ich kenne viele Witwerinnen und Witwer, die ich als Hausarzt während des nächsten Lebensabschnitts begleite.» Diese Kontinuität werde enorm geschätzt. In terminalen Phasen – wenn jemand also demnächst verstirbt – gebe er auch seine Handynummer ab, erzählt Bruno Köhler. «Ansonsten kann man mir immer ein E-Mail schreiben, ich sehe das auch am Wochenende und reagiere, falls es dringend ist.»

Wie die Arbeit eines Detektivs

Köhler ist mit anderen Personen federführend engagiert im Gesundheitsnetzwerk Knonaueramt, das die integrierte Versorgung stärken will. Das Ziel ist, die medizinische Versorgung für alle längerfristig zu sichern und in die Netzwerkarbeit zu investieren. Dazu gehört auch, das Problem der abnehmenden Zahl an Hausärztinnen und Hausärzten anzugehen.

Sein persönliches Interesse an der Medizin begann sich schon früh zu entwickeln. Sein Vater war Gynäkologe in Zürich und nahm ihn, als er ein kleiner Junge war, am Sonntagmorgen manchmal mit zur Visite ins Spital. Nach dem Gymnasium arbeitete Bruno Köhler eine Zeit lang als Hilfspfleger im damaligen Sanitas-Spital in Kilchberg, studierte dann Medizin und war ausserdem Truppenarzt im Militär.

«Die Hausarztmedizin kommt mir manchmal vor wie Detektivarbeit», erklärt er. «Jeder Fall ist anders, und manchmal entwickelt sich eine Geschichte wie ein Krimi.» Es sind darum auch die Hintergründe der Symptome und die Lebensgeschichten der Patientinnen und Patienten, die ihn besonders interessieren. Er sagt: «Ich sehe nicht nur ein entzündetes Auge oder ein krankes Herz, sondern den ganzen Menschen.»

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