Alles andere als verhärmt

21.08.19 | Sabine Arnold

Susy Keller engagiert sich ehrenamtlich für Palliaviva. Wir betreuten einst ihre Tochter Daniela. Nach deren Tod wollte sie uns etwas zurückgeben.

Ich treffe Susy Keller in einem Strassencafé zum Gespräch, und wie sie mir da entgegenkommt, sieht die 65-Jährige jung aus. Ihr Lachen steckt an, die Sonnenbrille hat sie in ihr kurzes Haar geschoben, sie trägt eine leichte Jeansjacke. Ich kenne Susy, weil sie seit einem Jahr als Freiwillige für Palliaviva arbeitet. Sie schreibt die Dankesbriefe, die wir den Spenderinnen und Spendern schicken, sobald ihre Spenden bei uns eingegangen sind. Wir arbeiten zwar nicht an denselben Tagen, aber an Anlässen ausserhalb des Büros, wie dem Weihnachtsessen oder der Teamwanderung, ist Susy dabei. Sie ist unkompliziert, jung geblieben, sie ist eine von uns.

Susy Keller hat etwas erlebt, vor dem sich wohl alle Eltern fürchten. Sie hat ihre Tochter gepflegt, als diese an einem aggressiven Krebs erkrankte, und sie musste sie zu Grabe tragen, bevor diese 40 Jahre alt wurde.

Während ein paar Wochen hat unser spezialisiertes Palliative-Care-Team zusammen mit der lokalen Spitex Daniela Keller, Susys Tochter, betreut. Ihr war zuvor im Kantonsspital Winterthur (KSW) ein Katheter eingepflanzt worden, über den ihr eine Pumpe permanent ein Schmerzmittel in den unteren Rückenbereich verabreichte. Sie litt unter extremen Schmerzen, die auch wir als Schmerz- und Palliativspezialisten fast nicht in den Griff bekamen. Wegen des wuchernden Tumors konnte der Katheter nicht neu gesetzt werden. Die Metastasen, die von einem Gebärmutterhalskrebs ausgingen, befanden sich ausserdem im Magenraum und in der Lunge.

Als mich eine der Mitarbeiterinnen eines Tages fragte, wie es mir gehe, sagte ich nur: Fragen Sie nicht!» Susy Keller, Mutter einer Palliativpatientin

Als wir vor einem Jahr für die Spendenverdankung eine neue Freiwillige suchten, wusste Susy sofort: «Das ist es.» Zuvor habe sie nie viel von ehrenamtlicher Gratisarbeit gehalten. Nun hatte sie wegen der Krankheit ihrer Tochter uns als Organisation kennengelernt, der sie etwas zurückgeben wollte: «Ich bin den Pflegenden und der Ärztin von Palliaviva sehr dankbar. Sie alle strahlten stets eine grosse Ruhe und Professionalität aus. Ich liess sie jeweils mit Daniela allein, konnte schnell ein Stündchen aus dem Haus. Als mich eine der Mitarbeiterinnen eines Tages fragte, wie es mir gehe, sagte ich nur: Fragen Sie nicht! Palliaviva reservierte für Daniela daraufhin rasch ein Ferienbett auf der Palliativstation in Affoltern a. A. Ich brauchte zwei Wochen Ferien, um wieder zu Kräften zu kommen.»

Susy Keller stand ihrer Tochter ab der Diagnose im Dezember 2014 immer unterstützend zur Seite. Daniela hatte eben die Prüfung zur eidgenössischen Immobilienmaklerin bestanden und wollte diesen Erfolg mit zwei Freundinnen auf einer Reise nach Costa Rica feiern. Die Bauchschmerzen, unter denen sie bereits beim Lernen litt, schob sie auf den Prüfungsstress. Dennoch ging sie kurz vor der Abreise zur Gynäkologin. Der Tumor am Gebärmutterhals sei bereit sieben Zentimeter gross gewesen. Die jungen Frauen sagten die Reise ab. «Ich sehe das Bild noch vor mir: Daniela hatte bereits alles fein säuberlich bereit gelegt, was sie einpacken wollte», sagt Susy Keller.

Alles, was nicht gut lief, schob sie auf mich. Wenn ich mich wehrte und sagte: Ich bin nicht schuld an deiner Krankheit, entgegnete sie: Ich auch nicht.»

Am Anfang begleitete sie Daniela vor allem zu Arztterminen. Als sie über den Zeitraum von zwei Jahren hin immer pflegebedürftiger wurde, konnte sie sie mit der Zeit davon überzeugen, wieder zu den Eltern zu ziehen. Die Mutter sagte der Tochter stets: «Das schaffen wir gemeinsam.» Sie wuchsen eng zusammen, aber sie stritten sich auch heftig. Die Wut der Tochter richtete sich häufig auf die Mutter. Susy Keller erzählt: «Alles, was nicht gut lief, schob sie auf mich. Wenn ich mich wehrte und sagte: Ich bin nicht schuld an deiner Krankheit, entgegnete sie: Ich auch nicht.» Diese negativen Gefühle der Tochter auszuhalten, sei schwierig gewesen. Es ging, indem Susy Keller sich immer wieder sagte: «Sie ist und bleibt meine Tochter.»

Daniela Keller war eine Kämpferin. Sie verlor auch die Hoffnung nicht, als sie nach zwei Operationen, mehreren erfolglosen Chemo- und Bestrahlungszyklen auch noch aus einer Studie entlassen wurde. Sie wollte nichts unversucht lassen. Ihr Onkologe sagte ihr, sie solle nun ihre letzten Dinge regeln. Sie antwortete ihm: «Nein, das will ich nicht. Suchen Sie etwas, das mir hilft!»

Erst in der besagten Ferienwoche, als Daniela in Affoltern a. A. war, rief sie ihre Eltern an und teilte ihnen mit, sie melde sich bei Exit an.» Der begleitete Suizid war jedoch nicht mehr nötig. Sie kam nur noch für eine einzige, schmerzerfüllte, Nacht nach Hause. «Das war typisch Daniela. Sie wollte unbedingt noch heim», sagt Susy Keller. Sie musste ihr alle 30 Minuten abwechselnd Schmerz- oder Beruhigungsmittel spritzen. Am nächsten Tag wurde die Patientin in narkotisiertem Zustand ins KSW gebracht, weil der Transport zu schmerzhaft gewesen wäre. Dort lebte sie noch sechs Tage, in den letzten Tagen dauersediert.

Ihre Freundinnen und Freunde feierten nach und nach ihre 40. Geburtstage. Mich traf es, dass Daniela das nicht mehr konnte. Gleichzeitig verwirrte es mich, dass gerade dieses Datum mir so zu schaffen machte.»

Mutter, Vater und Schwester waren im Spital stets bei ihr. Jemand von ihnen sass immer am Kopfende. Als der Vater, der am 28. Juli 2017 diese Position innehatte, kurz draussen telefonieren musste, starb sie. «Sie wollte uns zwar bei sich haben, aber nicht zu nahe», sagt Susy Keller. Sie wirkt gefasst, als sie von Danielas Tod erzählt, aber das sei sie auch nicht immer, gibt sie zu. Vor allem Danielas 40. Geburtstag habe ihr grosse Mühe bereitet. «Ihre Freundinnen und Freunde feierten nach und nach ihre runden Geburtstage. Mich traf es, dass Daniela das nicht mehr konnte. Gleichzeitig verwirrte es mich, dass gerade dieses Datum mir so zu schaffen machte.» Die Kellers fand einen guten Dreh: Bereits Mitte Juli luden sie Danielas engste Freunde und Familie zu einem Brunch ein. Das sei sehr schön gewesen, sagt Susy. Es seien auch Tränen geflossen, denn sie hätten den Freunden von Danielas letzten Tagen erzählt.

Danielas Krankheit und Tod habe die Familie enger zusammenwachsen lassen, sagt Susy Keller. Diesen September fahren alle zusammen an die italienische Riviera, wo sie vor einem Jahr Danielas Asche im Meer versenkt haben; diese war in ein selbst genähtes Säckchen eingenäht, darin von Nichte und Neffe bemalte Steine aus der Töss. Daniela, die gerne reiste und Wasser liebte, wollte ursprünglich in Thailand beigesetzt werden. Sie willigte aber schliesslich ein, als sie merkte, dass ihre Eltern einen näheren Ort vorzogen. Im Mittelmeer verstreuten die Hinterbliebenen auch die Rosenblätter, die an der Trauerfeier gesammelt worden waren. Ein Teil der Rosenblätter brachte eine Bekannte nach Thailand.

Rituale zum Trauern finden, die einen weiterleben und nach vorn blicken lassen. Die eigenen Grenzen erkennen und respektieren. Susy Keller scheint durch die gnadenlose Krankheit ihrer Tochter Einiges gelernt und Vieles richtig gemacht zu haben. Ihre Lebenslust ist – zum Glück – ungebrochen. Nach Danielas Tod habe sie viel Unterstützung aus ihrem Umfeld erhalten. Das gab ihr Kraft. Sie ist froh, dass sie nun wieder mehr Zeit für ihre andere Tochter und ihre zwei Enkel hat. Diese habe sie in der intensiven Phase mit Daniela etwas vernachlässigt, sagt sie selbstkritisch.

Kürzlich sei sie gefragt worden, weshalb sie immer noch so gut aussehe und nicht etwa verbittert und verhärmt sei. Susy schüttelt den Kopf und lacht ungläubig: «Das will ich doch nicht. Meine Enkel sollen ein fröhliches Nani haben!»

 

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