Alle sprechen von Sterbefasten – aber kaum jemand hat Erfahrung damit

24.07.19 | Sabine Arnold

Beim Sterbefasten darf täglich nur weniger als 50 ml getrunken werden. Da ist ein Eiswürfel zum Lutschen schon fast zu viel.

 

Beim «freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF)» darf nur weniger als 50 Milliliter pro Tag getrunken werden. Sonst dauert das Sterben länger. Ein Eiswürfel zum Lutschen gegen das Durstgefühl ist dann manchmal schon fast zu viel.

In einer gemeinsamen Weiterbildung befassten sich die mobilen spezialisierten Palliative-Care-Teams (SPaC) im Kanton Zürich mit dem Thema «Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF)», im Volksmund «Sterbefasten» genannt. Bisher haben die Teams nur wenige Patientinnen und Patienten dabei begleitet.

In der Öffentlichkeit und in Fachkreisen wird vermehrt über Sterbefasten gesprochen, es scheint als eine Art «Öko-Suizid» zu gelten. Durchgeführt wird diese Art des Sterbens jedoch nicht häufig, oder jedenfalls nicht unter Beizug eines betreuenden spezialisierten Palliative-Care-Teams. Das zeigte dieser Weiterbildungsmorgen: Die anwesenden Palliativfachfrauen aus allen fünf SPaC-Teams wussten je nur von ein bis zwei Situationen zu berichten, die sie selbst erlebt hatten.

Ursula Klein, die seit vier Jahren als Pflegeexpertin bei der Fachstelle Palliative Care der Spitex Zürich arbeitet, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Sterbefasten. Die Pflegeexpertin bevorzugt den Begriff «Freiwilliger Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrung (FVNF)», der in der Wissenschaft verwendet wird, auch wenn er ellenlang ist. «Sterbefasten» findet sie verharmlosend und zu stark spirituell geprägt. Auch Jan Gärtner und Luzius Müller schreiben in ihrem Artikel in der schweizerischen Ärztezeitung «Ein Fall von „Sterbefasten“ wirft Fragen auf», dieses Wort verleihe dem FVNF eine quasi-religiöse Aura, denn Fasten werde in vielen Religionen als Askeseleistung verstanden.

Wenn es schneller geht als sieben Tage, dann ist eher die Grunderkrankung als der Verzicht auf Essen und Trinken der Grund für den Tod.» Ursula Klein, Pflegeexpertin

Die Kolleginnen von der Fachstelle Palliative Care der Spitex Zürich Limmat sprachen von «eineinhalb» Fällen, in denen sie mit dem FVNF konfrontiert waren: Ein Patient hatte die Absicht, auf diese Weise aus dem Leben zu gehen, starb aber früher. «Wenn es schneller geht als sieben Tage, dann ist eher die Grunderkrankung als der Verzicht auf Essen und Trinken der Grund», sagte Ursula Klein. In der Regel dauert der Sterbeprozess durch den FVNF eine bis drei Wochen. Die Hauptprobleme, die auftreten können, sind ausgetrocknete Schleimhäute, Durst oder Delir.

Kleins Team begleitete ein anderes Mal eine eher jüngere Frau, deren Organe bereits stark geschädigt waren. Eng betreut von ihrem Hausarzt und einer Spezialistin, der Spitex und dem Palliativ-Team beendete diese Patientin ihr Leben durch FVNF selbst. Das dauerte zirka eine Woche und sei sehr friedlich verlaufen.

Das Oberländer Palliative-Care-Team GZO stellte den Fall eines Palliativpatienten vor, der durch den FVNF starb. Obwohl er stark unter ausgetrockneten Schleimhäuten und einer geschwollenen Zunge gelitten hatte, sei seine Familie von diesem Weg immer noch begeistert, erzählten die Palliativpflegefachfrauen.

Palliaviva begleitete letztes Jahr Ernst Widmer in seiner letzten Lebensphase. Der religiös und spirituell geprägte Mann hatte bereits einen langen Entscheidungsweg mit vielen Gesprächen hinter sich. «Die spirituelle Komponente gab schliesslich den Ausschlag fürs Sterbefasten», berichtete Palliaviva-Mitarbeiterin Livia De Toffol. Mit ihrer Kollegin Evi Ketterer hatte Widmer ein Gegenüber gefunden, das seine Spiritualität verstand. Und trotzdem war es alles andere als einfach gewesen, weder für Ernst Widmer noch seine Frau Hedy, die ihn eng begleitete. Im Vordergrund standen einerseits Durstgefühle und andererseits Schmerzen – trotz Schmerzpumpe.

Bestimmt verkürzen noch mehr Menschen ihr Leben auf diese Weise. Sie kommunizieren es aber niemandem, und der FVNF wird als solcher gar nicht erkannt.» Barbara Steiner, Leiterin Fachstelle Palliative Care der Spitex Zürich Limmat

Das Winterthurer Team erzählte von einer Frau, die ihrem Mann folgen wollte, der kurz zuvor gestorben war. «Sie äusserte ihren Sterbewillen klar und deutlich. Es dauerte sieben Tage, sie litt etwas unter Unruhe, hatte aber selbst nicht grosse Probleme», erzählte eine Palliativpflegefachfrau des MPCT. Die Herausforderung für ihr Betreuungsteam sei eher gewesen, den Sohn der Patientin zu begleiten. Dieser sei von der Situation überfordert gewesen und habe auch die spezialisierte Palliative Care ins Boot geholt.

Barbara Steiner, welche die Fachstelle Palliative Care der Stadt Zürich leitet, gab zu bedenken, dass wohl noch mehr Patientinnen und Patienten ihr Leben auf diese Weise verkürzen, dies aber niemandem sagen und der FVNF als solcher gar nicht erkannt wird.

Beim FVNF handelt sich nicht um eine Beschleunigung des Sterbens, sondern um ein Vorverschieben des Sterbebeginns.» Ursula Klein

Ursula Klein begann sich vor acht Jahren mit FVNF zu beschäftigen, als eine Hospizpatientin sie fragte, was wäre, wenn sie einfach aufhören würde, zu essen und zu trinken. Klein schrieb schliesslich ihre Masterarbeit über das Thema und ist seither auf dem aktuellsten Forschungsstand. Die wissenschaftliche Datenlage sei indes ziemlich bescheiden. Die meisten Daten stammten aus dem US-Bundesstaat Oregon, wo Forscherinnen und Forscher den assistierten Suizid und den FVNF untersucht und verglichen haben. Es zeigte sich, dass bei Letzterem weniger ethische Probleme bei den betreuenden Fachpersonen der Pflege und Sozialarbeit auftauchten. Dennoch ist sich die Fachwelt nicht einig, ob es sich bei dieser Methode um Suizid handle. Klein erläuterte: «Manche halten sie eindeutig für Suizid, andere nicht, dritte sagen, sie befinde sich irgendwo dazwischen.»

Der FVNF basiere jedenfalls auf einer bewussten Handlung, sagte Klein, nämlich darauf, auf Nahrung zu verzichten und die Flüssigkeitszufuhr auf weniger als 50 Milliliter pro Tag zu beschränken. «Bei der Mundpflege muss man sehr sparsam mit Wasser umgehen, um diesen Wert nicht zu überschreiten.» Ebenso wenn man Eiswürfel verabreiche, um das Durstgefühl zu mildern. Eine weitere Charakteristik des FVNF ist, dass er selbstständig durchführbar ist mit der Absicht, den Tod vorzeitig herbeizuführen. Klein erklärte: «Es handelt sich nicht um eine Beschleunigung des Sterbens, sondern um ein Vorverschieben des Sterbebeginns.»

Die Gründe, weshalb Menschen ihr Leben abkürzen wollten, sind laut Klein eher psychischer oder sozialer Natur, denn physischer. Das zeigten die Antworten zum assistierten Suizid aus Oregon. Die Befragten gaben als Auslöser zum Beispiel Hoffnungslosigkeit an, Angst, Autonomieverlust oder das Gefühl, den Angehörigen zur Last zu fallen.

Für uns Fachpersonen ist es sicher unproblematischer, einen Patienten beim FVNF zu begleiten, wenn er sich bereits in Todesnähe befindet.» Ursula Klein, Palliativpflegefachfrau in der Stadt Zürich

Die Voraussetzungen, die aus Sicht der Fachpersonen für den FVNF erfüllt sein müssen, entsprechen jenen für den assistierten Suizid. Ursula Klein relativierte: «Jeder Mensch kann machen, was er will. Wir sind nicht die Kontrollinstanz, die Ja oder Nein sagt. Das ist bei der Suizidbeihilfe anders, wo ein Arzt ein Rezept ausstellen muss – oder dies verweigern kann.» Ginge es nach der Meinung der Palliativpflegenden muss die Entscheidung für einen FVNF ebenfalls dem unbeeinflussten und andauernden Willen des Patienten entsprechen, der ein «nicht tragbares Leiden» hat.

Umstritten ist, ob für den FVNF auch eine geringe Lebenserwartung gegeben sein muss, wie es die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW empfehlen: «Schwieriger sind Situationen, in denen Menschen, die nicht sterbend sind, den Weg des freiwilligen Verzichts wählen. Die Motivation der Patientin, ihr Gesundheitszustand und die Werthaltung der Gesundheitsfachpersonen sind massgebend für den Entscheid, ob eine Begleitung angeboten werden kann oder nicht.» Ursula Klein sagte: «Für uns Fachpersonen ist es sicher einfacher und unproblematischer, einen Patienten beim FVNF zu begleiten, wenn er sich bereits in Todesnähe befindet.»

Ein FVNF kann in den Behandlungsteams ethische Fragen aufwerfen und sogar zu moralischem Stress führen. Das Fachpersonal könnte in folgendes Dilemma geraten: Heisst gutes Tun nun Leben schützen oder Leiden lindern? Der SBK hat zum «Umgang mit moralischem Stress des Pflegepersonals bei der Begleitung von Menschen am Lebensende» Empfehlungen herausgegeben, die Ursula Klein empfiehlt.

Sterbefasten ist kein medizinisches Angebot, das wir machen können. Die Idee muss von den Betroffenen selbst kommen.» Barbara Steiner, Leiterin Fachstelle Palliative Care, Spitex Zürich Limmat

Noch sei nicht einheitlich geregelt, was der Arzt nach einem FVNF auf den Totenschein schreibe, ob er einen Suizid oder einen «natürlichen Tod» ankreuze, so Klein. Je nachdem kann dies Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen, eine Obduktion und versicherungstechnische Fragen nach sich ziehen. Grundsätzlich ist der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit aber ein juristisch legaler Schritt, hielt Klein fest. «Deshalb darf das medizinische Personal diesen nicht torpedieren.»

Beim Thema «Sterbefasten» bewegt man sich als Fachperson jedenfalls auf heiklem Terrain, waren sich die Anwesenden SPaC-Mitarbeiterinnen einig. Barbara Steiner, Leiterin der Fachstelle Palliative Care, sagte zum Schluss: «FVNF ist kein medizinisches Angebot, das wir machen können. Die Idee muss von den Betroffenen selbst kommen.» Wenn jemand aber den Wunsch äussere, habe er auch ein Recht auf eine ausführliche Information und eine angemessene Begleitung.

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