Beim Schmerz bleiben
14.10.26
Literatur
«Jetzt, wo er nicht mehr da ist, dürfen wir vor die Hunde gehen. Er kaputt, wir kaputt.»
Dieser Satz steht wie ein Grundton über Tonio. Ein Requiemroman des niederländischen Schriftstellers A. F. Th. van der Heijden. Er fasst in brutaler Knappheit zusammen, worum es in diesem Buch geht: um den Tod des eigenen Kindes. Und um das, was dieser Tod mit den Zurückbleibenden anrichtet.
Am Pfingstsonntag 2010 wird Tonio, der knapp 22-jährige Sohn von Mirjam Rotenstreich und Adri van der Heijden, auf dem Fahrrad von einem Auto erfasst. Er stirbt noch am selben Tag in einem Amsterdamer Spital an schweren Hirnverletzungen. Der Roman setzt in dem Moment ein, in dem die Polizei an der Wohnungstür klingelt und die Eltern bittet, mitzukommen. Ihr Sohn liege in kritischem Zustand im Spital. Die Mutter begreift augenblicklich, der Vater hält noch an der Hoffnung fest.
Tonio ist eine literarische Totenmesse. Ganz im Sinne des Titels folgt van der Heijden der Struktur eines Requiems: Das «Requiem aeternam» bildet den Auftakt, der Unfall, die Stunden des Wartens im Spital, das langsame Begreifen des Unabwendbaren. Auf über 650 Seiten entfaltet der Autor ein sprachmächtiges, schmerzlich präzises Protokoll der Trauer, Selbstzerstörung, Verzweiflung, Auflehnung, des Funktionierens …
Was geschieht mit Eltern, wenn ein Kind stirbt? Wenn nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft wegbricht? Van der Heijden zeigt Trauer nicht als Prozess mit Ziel, sondern als Zustand. Erinnerungen an glückliche Tagen neben lähmender Verzweiflung. Die Eltern ertränken ihre Abende im Alkohol. Ihre Welt ist unbewohnbar geworden.
Im zweiten Teil kehrt der Text zu Tonios letztem Tag zurück. Die Eltern sprechen mit Studienkollegen, rekonstruieren Wege, Begegnungen, Stunden und Minuten. Die Aufarbeitung des Unfallhergangs wird zur Lebensaufgabe, weil sie Nähe zum Sohn verspricht, der unwiderruflich verschwunden ist. Der Autor beschreibt diese Obsession mit schneidender Klarheit.
Besonders eindrücklich ist van der Heijdens Sprache, wenn sie an die Grenzen des Sagbaren gerät. «Verlust ist ein Würger, der seinem Opfer als Protest lediglich leises Gegurgel gönnt.» Oder jener verstörende Gedanke der Auflehnung ohne Adressaten: «Ohne würdigen Gegner schlug Auflehnung nach innen, wo sie in der Seele Verwüstungen anrichtete.» Trost gibt es keinen, ebenso wenig eine höhere Instanz, an die sich der Schmerz richten liesse.
Den Begriff der «Trauerarbeit» lehnen die Eltern ab. Jedes Verarbeiten, jedes Sich-Entfernen vom Schmerz, würde auch eine Entfernung von Tonio bedeuten und ist damit tabu. Und doch tut der Autor genau das, was er zugleich verweigert: Er schreibt. Er verwandelt Erinnerung in Sprache, Schmerz in Form. In diesem Widerspruch liegt die literarische Kraft des Buches. Schreiben wird hier nicht zur Heilung, sondern zur einzigen Möglichkeit, den toten Sohn festzuhalten.
Tonio ist ein radikales und grosses Buch. Wer es liest, wird nicht getröstet – aber tief berührt.
F. Th. van der Heijden: Tonio. Ein Requiemroman, Suhrkamp, ISBN 978-3-518-42259-5
Katrin Zbinden (Jahrgang 1975) kennt Palliaviva als Angehörige und schreibt für diesen Blog in loser Folge Rezensionen von Büchern übers Leben und Sterben. Ihr Mann starb im Frühling 2024 an einem bösartigen Hirntumor. Seither macht Katrin Zbinden die Erfahrung, dass ihr Lesen bei der Verarbeitung der Trauer hilft. So entstand eine Literaturliste, die sie anderen Interessierten zur Verfügung stellt.
Sie ist ehemalige Verlagsleiterin einer Architekturzeitschrift und arbeitet freiberuflich für die Stiftung Architektur Schweiz und für Camponovo Baumgartner. Mehr übers Lesen und über sich erzählt sie im Podcast.