Horarium

21.07.26

Literatur

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Cover des Buches von Helga Schubert: Der heutige Tag

 

Das Buch Der heutige Tag der deutschen Autorin Helga Schubert beginnt am Ende eines langen gemeinsamen Lebens. Ihr Mann, einst Professor für klinische Psychologie, Maler und Schriftsteller, ist schwer krank, er wird seit Jahren palliativ umsorgt. Die zwei «alten Liebesleute» leben seit 58 Jahren zusammen und müssen nun den Abschied lernen. Das macht Schubert auch schreibend, mit einer grossen Zärtlichkeit und Empathie für ihr gemeinsames Leben – das immer zu kurz ist.

So blickt sie auf die gemeinsame Zeit zurück, auf ihr Leben in der DDR. Oder auch auf den Lebensabschnitt, als beide noch mit anderen Partnern verheiratet waren und sie später von der Stasi observiert wurde. Sie beschreibt die Erschöpfung, die aus der Pflege ihres Mannes resultiert. Ihre Verzweiflung, wenn ihr wieder einmal alles zu viel wird. Von den vielen schweren Momenten im Alltag einer Pflegenden, wenn sie nach Wochen das Haus nicht verlassen hat, immer in seiner Sicht- und Rufweite war. Oder von ihren Gefühlen, wenn sie an eine Lesung eingeladen wird und keines der Kinder Zeit hat, während ihrer Abwesenheit zum Vater zu schauen und sie auch keine Pflegekraft findet. Wenn sie erschöpft ist vom täglichen Katheterleeren, von den Nächten ohne Schlaf, weil er im Zimmer nebenan unruhig ist, oder wenn er wieder einmal alle Schläuche wegzieht und sich der Auffangbeutel des Urins auf den Teppich entleert. Wenn er es schafft, sich selbst mitten in der Nacht in den Rollstuhl zu hieven, um damit hinaus auf die Strasse zu rollen.

Doch es geht vor allem um Loslassen, Endlichkeit, die Nähe des Abschieds. Um die tiefempfundene Liebe zu ihrem Mann. Es sind Sätze voller Liebe und Zuneigung, die wir lesen dürfen.

«Ich bin immer bei dir, auch wenn ich tot bin. Ich werde dich immer beschützen. Und so lange wird es nicht dauern, bis du nachkommst», sagt ihr dementer Mann. Und Schubert antwortet schreibend mit den schönen Worten: «In der Ewigkeit gibt es keine Zeit mehr, oder? Und dann sassen wir noch eine Weile so. Und nichts fehlte.» Sie nennt das Buch im Untertitel Ein Stundenbuch der Liebe und erinnert so an die Stundenbücher für die Gläubigen im Mittelalter, die eine Anleitung für das Stundengebet waren. Ihr Buch ist eine grossartige Wegleitung für die Liebe, die Demut von Liebenden und für das Leben. – Katrin Zbinden

Ein Interview mit Helga Schubert im Palliaviva-Blog lesen Sie hier.

Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe, dtv München, 2023

Katrin Zbinden (Jahrgang 1975) kennt Palliaviva als Angehörige und schreibt für diesen Blog in loser Folge Rezensionen von Büchern übers Leben und Sterben. Ihr Mann starb im Frühling 2024 an einem bösartigen Hirntumor. Seither macht Katrin Zbinden die Erfahrung, dass ihr Lesen bei der Verarbeitung der Trauer hilft. So entstand eine Literaturliste, die sie anderen Interessierten zur Verfügung stellt.

Sie ist ehemalige Verlagsleiterin einer Architekturzeitschrift und arbeitet freiberuflich für die Stiftung Architektur Schweiz und für Camponovo Baumgartner. Mehr übers Lesen und über sich erzählt sie im Podcast.

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