«Ich merke, dass ich immer schwächer werde»

19.09.26

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Erica Meyer leidet unter der chronischen Lungenkrankheit COPD. Der Kontakt mit Palliaviva bringt ihr vor allem Sicherheit im Alltag. Als ehemalige Sekretärin von Pfarrer Sieber blickt sie auf ein spannendes Leben zurück.

Schwerst drogenabhängige Menschen habe sie mit Pfarrer Ernst Sieber am Platzspitz «zusammengelesen», erzählt Erica Meyer. Der legendäre Zürcher «Obdachlosenpfarrer», bei dem sie von 1982 bis 2016 insgesamt 34 Jahre lang arbeitete, diktierte ihr jeweils seine Predigten. Sie tippte die Predigten auf der Schreibmaschine und fertigte mehrere hundert Kopien an, um sie den Besucherinnen und Besuchern nach dem Gottesdienst auszuhändigen. Zudem koordinierte sie die Termine des mediengewandten Pfarrers und betreute die Drogenabhängigen, die er ins Pfarrhaus mitbrachte.

Der «Clan» aus der Pfarrer-Sieber-Zeit

«Ich hatte ein sensationelles Leben», sagt die 80-Jährige heute. Ferien gab es am Anfang im Pfarrhaus praktisch keine, dafür umso mehr spannende und interessante Aufgaben, die sie immer wieder aufs Neue herausforderten. «Später machte ich zusammen mit einer Freundin unzählige Städteflüge. Wir fuhren fünf Wochen mit dem Auto durch die USA, waren auf Safari in Kenia und gönnten uns ein paar Kreuzfahrten. Von diesen Erlebnissen zehre ich noch heute, wenn ich mich wieder einmal eingesperrt oder ans Haus gebunden fühle,» erzählt Erica Meyer.

Neben der Arbeit interessierte sie sich immer für Musik, organisierte Konzerte und war als Band-Managerin im Einsatz. Der «Clan» von damals – darunter Menschen, mit denen sie im Team von Pfarrer Sieber zusammenarbeitete – sei heute noch präsent, sagt sie, und ihre Augen leuchten. Sie ist alleinstehend, bekommt aber sehr viel Unterstützung von Freundinnen, Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn.

Anders wäre es ihr wohl heute kaum möglich, trotz ihrer schweren Lungenkrankheit mit ihrer Katze allein daheim zu leben. COPD ist die Abkürzung für Chronic Obstructive Pulmonary Disease. Die Krankheit schädigt zunehmend die Lunge, was zu Atemnot führt und bei Erica Meyer hin und wieder – in der Vergangenheit – auch zu starken Anfällen, die sie vor allem nachts ohne Ankündigung überfallartig bekam.

Heute hat Erica Meyer die Pikettnummer von Palliaviva für medizinische Notfälle im Handy gespeichert. «Das gibt mir enorm viel Sicherheit», betont sie. Würde sie wieder einmal keine Luft bekommen, würde sie Morphium-Tropfen aus ihrer Notfallapotheke einnehmen und sofort anrufen. «Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter würde mit mir am Telefon warten, bis sich die Situation beruhigt hat.»

Osteoporose und Brustkrebs

Seit einiger Zeit kommt Erica Meyer nicht mehr ohne ständige zusätzliche Sauerstoffzufuhr aus. Dieser wird Tag und Nacht durch eine sogenannte Nasenbrille mit zwei dünnen Schläuchlein von einem mobilen Gerät direkt in die Nasenlöcher geführt. Die Atemnot ist aber nicht das einzige Krankheitssymptom, unter dem sie leidet. «Meine Knochen sind dünn wie Zündhölzli», sagt sie und spricht damit die Osteoporose an, die sie im Alltag einschränkt. Als Grund für den Knochenschwund nennt sie eine Langzeitbehandlung mit Cortison nach zwei Brustkrebsdiagnosen in den Jahren 2002 und 2007.

Ihr Bewegungsradius ist stark eingeschränkt. Mit dem Rollator macht sie zwar täglich noch eine Runde ums Haus, aber sie muss aufpassen, dass sie nicht stürzt und keine Knochen bricht. «Eine Operation mit Narkose würde mein schwaches Herz nicht überleben», hält sie fest. Die Zeit zu Hause vertreibt sie sich mit dem Lesen von Krimis und Thrillern, mit Musikhören und, wenn sie mag, mit Kochen. Sie war immer eine leidenschaftliche Köchin, doch seit kurzem leidet sie unter Übelkeit und isst nur wenig. Wenn sie erzählt, wie sie herauszufinden versucht, welches Medikament die Übelkeit verursacht, hört sie sich an wie eine Detektivin.

Ein Bewegungsmensch

Trotz ihrer schweren Krankheiten ist Erica Meyer im Geist vital und offen geblieben. Die Arbeit mit Menschen, die sich am Rand der Gesellschaft befinden, hat sie geprägt. Ihre Mutter, die an Brustkrebs starb, und ihren Vater, der zwei Hirnschläge erlitten hatte, begleitete sie, bis sie starben. Ihre eigene Selbstständigkeit versucht sie sich so gut und so lange wie möglich zu erhalten. Bis im letzten Jahr noch, erzählt sie, habe sie fünfmal pro Woche Aqua Walking im Hallenbad gemacht – mit dem mobilen Sauerstoffgerät als Sicherheit im Auto oder im Garderobenkästchen. «Ich war immer ein Bewegungsmensch», betont sie heute, beklagt sich aber nicht.

Von Palliaviva bekommt Erica Meyer ungefähr alle zwei Wochen einen Besuch, um die Symptome zu besprechen und aktuelle Probleme anzugehen. Meist kommt Heike Hess zu ihr nach Hause in der Agglomeration Zürich. «Ich schätze Heike Hess sehr. Sie ist schon fast eine Freundin geworden», sagt Erica Meyer über die Palliaviva-Mitarbeiterin.

Die Tasche gepackt wie eine Schwangere

Sie macht sich nichts vor: «Ich merke ja, dass ich immer dünner und schwächer werde und die Müdigkeit zunimmt», sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Und sie habe vorgesorgt, habe keine offenen Rechnungen und sei für alle Fälle vorbereitet, ergänzt sie: «Ich bin wie eine Schwangere: Das Necessaire mit meinen persönlichen Utensilien und die Patientenverfügung sind gepackt für den Fall, dass ich notfallmässig ins Spital einrücken müsste.»

Erica Meyer ist bereit, das anzunehmen, was kommt. Sie sei gläubig, sagt sie; sie glaube an eine höhere Macht, an die Liebe und das Gute im Menschen. Dann lehnt sie sich zurück in ihrem bequemen Stuhl, und es kommt doch noch etwas Wehmut auf: «Die Zeit, als ich meine Band Cesar & Go West gemanagt habe, war so toll! Es waren halbe Nächte mit Rock ‘n’ Roll, Blues, guten Vibes, Wein und Zigaretten, zusammen mit lässigen Leuten. Der damalige Bandleader und Sänger ist heute noch mein bester Freund, und die Band gibt es immer noch – und das seit über vierzig Jahren.»

Im Video sagt Erica Meyer, was ihr die Begleitung durch Palliaviva bringt:

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