Andreas Weber: Planung ist gut, Flexibilität ist besser
05.08.26
Ein Verstorbener im Pflegeheim, ein kranker Mann allein zu Hause, die Visite im Spital und ein Hausbesuch bei einer MS-Patientin: Ein Tag unterwegs mit dem Palliativarzt Andreas Weber bringt viel Abwechslung und Emotionen.
Die Reportage gibt es hier als Podcast zu hören.
In der linken Hand einen weissen Papiersack, in der rechten den Arztkoffer, steuert Andreas Weber zu Fuss auf den Spital-Parkplatz zu, wo sein dunkelblaues http://www.palliaviva.ch/podcastBMW-Cabriolet steht. Er kramt in der Jacke nach dem Schlüssel und öffnet den Kofferraum des Oldtimers, mit dem er täglich im Zürcher Oberland unterwegs ist.
Andreas Weber ist Palliativarzt, Gründer des mobilen spezialisierten Palliative-Care-Teams mit Stützpunkt am GZO Spital Wetzikon und ein Pionier der Palliative Care in der Schweiz. Der 65-jährige Mediziner hat sich nach Stationen als Anästhesist, Rega-Notarzt und Gesundheitsmanager unter anderem im Ärzte-Netzwerk Medix vor bald zwanzig Jahren wieder ganz direkt der Arbeit mit Patientinnen und Patienten verschrieben. Seither ist er mit Leidenschaft und echtem Interesse für die Menschen als Palliativmediziner tätig und macht täglich Hausbesuche.
Zum Team des mobilen Palliative-Care-Teams im Zürcher Oberland gehören neben dem ärztlichen Leiter Andreas Weber eine Ärztin, ein Arzt sowie 16 spezialisierte Pflegefachfrauen. Sie haben die gleichen Aufgaben wie Palliaviva und betreuen unheilbar kranke Menschen und ihre Angehörigen zu Hause und teilweise auch im Pflegeheim – wenn die Betroffenen dies wünschen, bis zum Tod.
Jederzeit telefonisch erreichbar
Das GZO-Team bietet wie Palliaviva einen 24-Stunden-Pikettdienst an; am Wochenende wechseln sich die Mitarbeitenden der beiden Organisationen ab. Es kann also sein, dass jemand, der an einem Samstag oder Sonntag auf die Palliaviva-Pikettnummer anruft, jemanden vom GZO-Team am Draht hat. Auf die Betreuung hat dies aber keinen Einfluss: Der Zugriff auf die jeweiligen Krankengeschichten ist gewährleistet. Die zwei GZO-Ärzte und die GZO-Ärztin leisten zudem rund um die Uhr sogenannte Hintergrunddienste fürs Palliaviva-Regionalteam Grün. Sie sind, wenn das Team Grün eine komplexe medizinische Frage hat, Tag und Nacht erreichbar.
An diesem Morgen, als Andreas Weber in sein Auto steigt, war er bereits auf einen Sprung im Büro des Teams am GZO Spital Wetzikon und unterhielt sich kurz mit der Pflegefachfrau, die an diesem Tag in der Einsatzleitung sitzt. Sie nimmt Telefone entgegen, berät Patientinnen, Patienten und Angehörige und klärt, ob ein Hausbesuch nötig ist. Oft können Probleme bereits im Gespräch gelöst werden. Die Einsatzleitung koordiniert auch die Hausbesuche des Teams aus Pflege und Medizin. Der erste Einsatz von Andreas Weber ist an diesem Tag ungeplant, denn ein Patient ist im Pflegeheim verstorben. Der Arzt muss den Tod feststellen und die Todesbescheinigung ausstellen.

Einsatz im Pflegeheim
Der Mann war schwer krank und wurde hauptsächlich vom Personal des Pflegeheims betreut, das dabei vom Team um Andreas Weber unterstützt wurde. Das GZO-Team hat mit Pflegeheimen bereits viel Erfahrung, doch der Arzt sieht hier noch grosse Lücken: «Da viele Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sehr alt sind und gleichzeitig unter verschiedenen Krankheiten leiden, ist das Risiko gross, dass eine Krise wie ein Sturz oder ein Schlaganfall auftritt. Häufig ist dann unklar, welche medizinischen Massnahmen der Patient oder die Patientin noch wünschen würde, wenn er oder sie sich äussern könnte.»
Um eine sinnvolle Patientenverfügung zu erstellen, braucht es aber ausgebildetes Personal, das die Gespräche führen kann, und eine entsprechende Finanzierung. «Hier gibt es noch grossen Aufholbedarf», fasst Andreas Weber seine Erfahrung zusammen.
Im Pflegeheim angekommen, führt ihn der zuständige Pflegefachmann zum Zimmer des verstorbenen Mannes. Der Arzt verschwindet hinter der Türe und kehrt nach einer Weile zurück. Er hat «sichere Todeszeichen» wie Totenflecken und Totenstarre festgestellt und wird diese dokumentieren. In diesem Fall konnte dank der Zusammenarbeit zwischen dem Heimpersonal und seinem Team eine optimale Betreuung des Bewohners in der letzten Lebensphase sichergestellt werden.
Bei einer MS-Patientin
Weiter geht es nach diesem ungeplanten Einsatz zu einer Patientin, die vor vielen Jahren an Multiple Sklerose (MS) erkrankt ist. Mittlerweile sitzt sie im Rollstuhl und leidet unter einer grossen Müdigkeit und Erschöpfung. Mehrmals wurde sie in den vergangenen Monaten ins Spital gebracht; zweimal, weil sie aus unerfindlichen Gründen bewusstlos geworden war. Anders als andere Patientinnen und Patienten, die das GZO-Team bei Konsiliardiensten im Spital Wetzikon auf den Stationen kennenlernt, ist diese Frau dem Arzt noch nicht bekannt.
Andreas Weber beziehungsweise sein Arztkollege und seine Arztkollegin machen, zusammen mit jemandem aus dem Palliative-Care-Pflegeteam, jeden Nachmittag eine Visite auf verschiedenen Abteilungen im Spital. Nicht immer geht es dabei ums Sterben. Häufig drehen sich die Besuche und die Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen um die sogenannte Austrittsplanung: Nach dem Verlassen des Spitals soll die weitere Betreuung zu Hause, die sehr anspruchsvoll sein kann, möglichst gut sichergestellt sein. Das Ziel ist, auch bei einer unheilbaren Krankheit, eine möglichst hohe Lebensqualität.
Die MS-Patientin sitzt im Rollstuhl am Tisch, ihr Mann daneben. Andreas Weber hat im weissen Papiersack einige Notfallmedikamente und einen Notfallplan mitgebracht. Dieser soll es dem Ehemann ermöglichen, bei einem Notfall selbst handeln und Medikamente verabreichen zu können. Er darf sich jederzeit auf der Pikettnummer melden. So ist es oftmals möglich, erneute Spitaleintritte zu verhindern.
Entscheide am Lebensende
Der Zweck dieses Besuchs ist für Andreas Weber aber auch noch ein anderer. Er möchte von der Frau wissen, wie sie ihre Lebensqualität empfindet, und wie wichtig es für sie ist, noch länger zu leben, welche medizinischen Behandlungen sie dafür in Kauf nehmen würde. Es gehe ihr recht gut, antwortet die Frau, und fügt hinzu: «Es kommt ja immer darauf an, mit wem man vergleicht.» Schliesslich beantwortet sie die Frage des Arztes so: Sie würde einem erneuten Transport ins Spital zustimmen, möchte alle weiteren Entscheide aber ihrer Familie überlassen.
«Ein Leben abzuschliessen, wird immer eine ganz schwierige Situation sein für jeden Menschen», sagt der Palliativarzt, als er wieder im Auto unterwegs ist. «Die in der Medizin verbreitete Grundhaltung, jedes Leben zu retten, sollte man aber hinterfragen. Wir sollten lernen, Therapieoptionen dort einzusetzen, wo sie eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität bringen; und nicht einfach überall, wo man sie einsetzen kann.» Er sagt, Palliative Care könne helfen, Menschen in dieser schwierigen letzten Phase zu stützen. Dazu gehören nicht nur Medikamente, sondern auch spirituelle Aspekte, die Betroffenen Halt geben können.
Eine gespenstische Atmosphäre
Beim nächsten Besuch kommt zuerst ein mulmiges Gefühl auf. Das Haus an der Adresse, an der der Patient wohnt, macht einen gespenstischen Eindruck: Nachdem Andreas Weber geklingelt hat, bleibt es still. Vorsichtig klopft er, öffnet die Tür, geht hinein, ruft den Namen des Patienten und steigt die Treppe hinauf. Erst nach Minuten findet er den Gesuchten im Bett liegend in einem der hinteren Zimmer des Hauses. Der Mann scheint nicht zu verstehen, was der Arzt sagt. Es ist nicht klar, ob er Schmerzen hat oder einfach verwirrt ist.
Eine Spitex-Mitarbeiterin kommt vorbei, die den Patienten schon länger kennt. Andreas Weber bespricht mit ihr, ob der Mann im Spital vielleicht besser aufgehoben wäre. Die Frage kann er erst nach dem Austausch mit seinem Team am Mittag definitiv beantworten.

Bei dem Meeting in den Räumen des GZO-Palliative-Care-Teams wird klar, dass der Mann bei früheren Besuchen klar geäussert hatte, sein Haus lebend nicht mehr verlassen zu wollen. Den Umstand, zwischen den Besuchen der Spitex längere Zeit allein dort zu sein, nahm er bewusst in Kauf. Das Team spricht länger über den Patienten und entscheidet schliesslich, auf weitere Untersuchungen zu verzichten und die Schmerzmedikation anzupassen.
Austausch im Team und Cabriolet-Fahrten
Am Nachmittag startet Andreas Weber zu seiner Runde als Konsiliararzt auf den Stationen des GZO Spital Wetzikon. Er besucht Patientinnen und Patienten und bespricht sich mit einzelnen Ärztinnen und Ärzten auf den Stationen. Später beschliesst er den Tag im Büro mit Telefonaten, dem Dokumentieren, dem Schreiben von Verordnungen und Gesprächen mit seinem Team.
Zum Schluss stellt sich die Frage, was ihm seine Arbeit bedeutet. «Bei den Hausbesuchen eröffnet sich nochmals eine ganz andere Dimension der Patientinnen und Patienten», erklärt Andreas Weber. «Wenn man zu ihnen heimkommt, sieht man ihre Welt.» Die Dynamik auch in der Arzt-Patienten- oder Ärztin-Patientin-Beziehung sei eine ganz andere als im Spital. «Die Menschen zu begleiten – und zwar in ihrem Zuhause, was der Wunsch vieler Personen ist – ist sehr befriedigend und motiviert mich», ergänzt er.
Bei der Verarbeitung von belastenden und traurigen Geschichten hilft ihm der Austausch mit seinem Team. «Auch die Hausbesuche mit den Überlandfahrten im Zürcher Oberland sind für mich wichtig.» Manchmal suche er bewusst die Ruhe. «Dann fahre ich über die Hügel und halte mit dem Auto an einem Waldrand. Aber allein schon die Fahrten im Cabriolet, mit offenem Dach und frischer Luft: Dabei kann ich recht gut abschalten.»
